Neon Genesis Evangelion: Meine Liebe gilt...
Kapitel 6 - Freunde
Geschrieben von Alain Gravel
<rakna@globetrotter.qc.ca>
Assistiert von Darren Demaine <ddemaine@ualberta.ca>
Übersetzt von Franz Xaver Benedikt <Genesis_00@gmx.de>
http://www.geocities.com/Tokyo/Teahouse/2236/
Teil 2 - Ich liebe Dich
Ich wachte auf und hatte immer
noch Rei´s nackten Körper in meinen Armen. Genau wie an jedem Morgen davor,
seit ich bei ihr wohnte. Da Misato nicht in der Nähe war, hielt sie es nicht
für notwendig irgendetwas im Bett zu tragen. Und nach den vergangenen paar
Nächten die wir zusammen verbracht hatten, sah ich auch keinen Grund mehr
dafür.
Als ich an die Decke starrte,
dachte ich daran zurück, was ein paar Tage zuvor geschehen war...
* * *
Nachdem ich meine Sachen in
einem leeren Raum verstaut hatte, brach ich auf dem Boden zusammen, unfähig,
die Tränen weiter zurückzuhalten. Ich fühlte mich angewidert von mir selbst.
Ich war nur ein kleiner schwacher Junge. Kein Wunder, dass andere mich
benutzten als wenn ich nur ein Spielzeug wäre. Ein Spielzeug, mit dem man
spielen und dann wegwerfen konnte wenn langweilig wurde. Zuerst Vater, und
jetzt Asuka.
Durch die Wände hindurch hörte
ich Schreie. Zwei Stimmen, die ich nur zu gut kannte. Misato war offensichtlich
ziemlich wütend auf Asuka. Ich versuchte sie zu ignorieren, so gut ich konnte.
Aber jedesmal wenn ich sie hörte... Irgendwann konnte ich es nicht mehr
ertragen und schrie das sie die Klappe halten sollten. Ich bin mir nicht ganz
sicher, vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Ein paar Augenblicke
später hörte ich jedenfalls nichts mehr von ihnen.
Kurz danach hatte ich Rei´s
zarte Arme um mich, als sie versuchte, mich mit sanften Worten zu beruhigen.
Ich fühlte mich warm und geborgen in diesen Armen und ich ließ all die tief in
mir verborgenen Tränen der letzten Jahre an ihrer Schulter freien Lauf. Ich
weinte mich selbst in den Schlaf.
Ich erwachte am nächsten Morgen
und fand mich selbst immer noch in Rei´s Armen liegend vor. Allerdings war ich
jetzt in ihrem Bett, anstatt auf dem Fußboden im anderen Zimmer. Ich wußte
nicht wie sie es geschafft hatte mich den ganzen Weg hierher zu schleppen, ohne
mich aufzuwecken. Vielleicht war ich einfach zu erschöpft um es zu bemerken.
Zuerst war ich erschrocken als mir klar wurde, dass wir beide nackt waren,
entspannte mich jedoch bald wieder, als mir auffiel, dass es sich warm und
angenehm anfühlte.
Wir blieben den ganzen Vormittag
lang in der Wohnung. Ich versuchte Rei zu überzeugen in die Schule zu gehen,
hatte aber keinen Erfolg damit ihre Meinung zu ändern. Sie sagte schlicht, dass
sie hier bei mir bleiben wolle, und dass das wichtiger sei, als dem Geschwätz
des Lehrers über den Second Impact zuzuhören. Obwohl ich es nicht aussprach,
war ich wirklich dankbar dafür, dass sie blieb.
Sie machte für
uns beide Frühstück. Wie immer, war ich auch dieses mal erstaunt, wie gut sie
bereits in der Küche geworden war. Als sie mir eine Tasse Tee reichte, fragte
sie mich, ob etwas nicht in Ordnung sei. Ich bat sie, mir ins Wohnzimmer zu folgen, wo wir
uns schließlich an den kleinen Tisch setzten. Dann erzählte ich ihr alles. Mir
fiel auf, dass sie einige Male die Stirn runzelte während ich sprach. Und als
ich ihr erzählte was im Zelt passiert war, bekam sie einen ziemlich wütenden
Gesichtsausdruck. Allerdings kehrte sie bald wieder zu ihrem ruhigen und
passiven Haltung zurück. Als ich ihr alles erzählt hatte, überraschte sie mich
mit dem Worten:
"Ich glaube nicht, dass sie
beabsichtigt hatte dir weh zutun."
"Was?! Wie kannst du
soetwas sagen? Sie hat mich hinters Licht geführt! Sie hat meine Freunde dazu
benutzt, mich zu bekommen!"
"Vielleicht war sie der
Meinung, dass dies der einzige Weg wäre..."
"Der einzige Weg?"
Einen Augenblick lange schien
Rei in Gedanken versunken zu sein.
"Ich bin mir nicht sicher.
Es gibt so viel an ihr, was ich nicht verstehe. Sie verschanzt sich hinter
einer Wand. Einem Schutzwall, der die Leute auf Abstand hält. Es muss schwer
für sie sein, zu versuchen ihre Gefühle auszudrücken, wenn alles was sie weiß
nur darin besteht wie man diese unterdrückt."
Verblüfft starrte ich Rei an,
während mein Gehirn noch das verarbeitete, was sie gerade gesagt hatte.
Irgendwie wußte ich, dass sie recht hatte. Asuka war immer sehr verschlossen.
Sie war wie eine Festung. Uneinnehmbar. Ihre Waffe war die Wut, mit dem Zweck
die Menschen auf Distanz zu halten. Auf eine seltsame Art und Weise war sie..
wie ich.
Trotzdem konnte ich mir nicht
erklären, was in dieser Nacht geschehen war. Es war nicht nur das
Verständigungsproblem allein. Sie hatte mich manipuliert. Mich benutzt. Ebenso
Hikari. Und Touji...
"Lass dir von dem
Vergangenen keinen Schmerz zufügen..."
Ich spürte ihre Hand auf meinem
Arm. Erst da wurde mir bewusst, dass ich meine Hand vor Zorn zur Faust geballt
hatte. Ihre Berührung beruhigte mich.
"Ich bin hier..."
Ich sah in die roten Augen unter
ihrem blauen Haar und erkannte, wieviel ich ihr bedeutete.
"Ich bin für dich da..."
Sie beugte sich langsam zu mir
ohne ihren Blick von mir zu nehmen.
"Du musst dir in keine
Sorgen wegen ihr machen..."
Ich konnte nicht länger
widerstehen. Ihre Lippen waren wie Magneten.
"Ich liebe dich, Shinji..."
Ich verlor mich in einer langen
Reihe von leidenschaftlichen Küssen. Aber ich bin mir sicher, dass ich die
Worte ausgesprochen hatte, die mir dabei in den Sinn kamen.
"Ich liebe dich auch,
Rei-chan."
Wir verbrachten die meiste Zeit
des Vormittags eng umschlungen in einer innigen Umarmung. Nur in ihren Armen
fand ich die Ruhe und den Frieden, nach dem ich so verlangte. Wir sprachen nur
wenig. Und jedesmal wenn wir es taten, lief es nach einem einfachen Schema ab;
Ich würde ihr sagen, wie sehr ich mich durch Asuka verletzt und verraten fühlte
und Rei würde einfach antworten, dass sie immer für mich da sein würde.
Nach dem Mittagessen verließ Rei
das Apartment. Ich sah ihr an, dass sie nicht wollte, aber sie sagte mir, dass
sie wegen ein paar planmäßigen Tests von Ritsuko ins HQ müsse. Ich versicherte
ihr, dass das in Ordnung sei und ließ sie gehen. Davor jedoch bat ich sie, ob
sie mir nicht mein Cello aus Misato´s Wohnung holen könne. Als sie schließlich
weg war, versuchte ich, mich ganz auf mein Spiel zu konzentrieren. Ich war zwar
nicht besonders gut darin, aber es half mir dabei nicht an Asuka zu denken.
Jeden Tag versuchte ich mich
irgendwie zu beschäftigen. Ich begann damit, mein neues Zimmer einzurichten, was schnell erledigt war, da
es nicht viel zu tun gab. Aus einem Schrank nahm ich mir einen Futon, ein
Kissen und überschüssige Bettlaken. Rei hatte sie auf Misato´s Rat hin gekauft,
falls irgendwann einmal jemand diesen Raum benutzen sollte. Ein weiteres
Beispiel für das Organisationstalent des Majors. Da ich nur einen Teil meiner
Gaderobe mitgenommen hatte, dauerte es nur wenige Minuten, alles einzurichten.
Als ich damit fertig war, streunte ich ziellos in der Wohnung herum und frage
mich, was ich noch tun konnte, egal was es auch wäre. Ironischerweise gab es
nicht viel zu tun, da ich Rei gezeigt hatte wie sie ihre Wohnung sauberzuhalten
hatte. Alles war fast vollkommen makellos, das Badezimmer eingeschlossen. Ich
entschied mich trotzdem, das Bad, die Toilette und ebenso die Böden sowie die
Fenster zu putzen. Dann ging ich zur Wäsche über und begann mit Rei´s
Bettlaken, gefolgt von Allem, das ich in Rei´s Wäschekorb finden konnte und das
gleiche noch einmal mit meinen eigenen Kleidern. Letzten Endes fand ich mich
vor dem Kühlschrank wieder, wie ich den Inhalt in Reih und Glied sortierte, als
ich es endlich aufgab, mich "nützlich" machen zu wollen. Weil Rei
keinen Fernseher besaß, griff ich zum Cello und spielte, wahrscheinlich so
lange wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich war zwar nicht sicher, wann Rei
zurückkommen würde, aber ich machte trotzdem Abendessen für zwei. So würde es
zumindest etwas mehr Geschirr zum Abwachen geben. Als sie ein paar Stunden
später nach Hause kam, fand sie mich völlig in meine Hausaufgaben vertieft. Irgendwie
hatte ich an einem einzigen Tag mehr davon erledigt, als sonst in einem ganzen
Monat.
Rei wollte sich entschuldigen,
aber ich unterbrach sie. Ich war einfach zu erleichtert das sie wieder zurück
war. Ich machte etwas auf die Schnelle und sah ihr beim Essen zu. Sie lief
unter meinen Blick rot an ohne etwas dagegen tun zu können. Als es schließlich
Zeit war ins Bett zu gehen, schien Rei enttäuscht zu sein als ich zum
Gästezimmer ging wo ich den Futon ausgelegt hatte, sagte aber kein Wort. Obwohl
ich mich in ihrer Gegenwart wohl fühlte, war ich mir nicht sicher, ob ich
wirklich im gleichen Bett mit ihr schlafen wollte. So hatte schließlich alles
angefangen...
Später in dieser Nacht, stand
ich auf dem Balkon gegen die Brüstung gelehnt und starrte ich in die Nacht
hinaus. Alpträume hatten mich geweckt und seitdem schaffte ich es nicht mehr,
die Augen zu schliessen. Nachdem ich es müde geworden war, die ungewohnte Decke
meines Zimmers anzustarren, entschied ich mich, meinen Blick auf etwas
Angenehmeres zu richten.
Die Nachtluft wehte kalt um
meine nackten Arme und Beine, was ich allerdings kaum merkte. Mein Blick lag
auf den unzähligen Lichtern von Tokyo-3. Tokyo-3... Die Stadt die ich
beschützte. Warum kümmerte es mich nicht? Gab es überhaupt noch etwas das
Bedeutung für mich hatte? Warum machte ich weiter? Ich senkte den Kopf und sah
zur Straße hinunter. Es ging ziemlich weit hinunter von der Stelle wo ich
stand. Ich fragte mich ob... Würde ich wohl Schmerz empfinden, wenn ich
hinunterspringen würde?
Und wieder, vielleicht zum
hundertsten Mal kamen mir wieder die letzten Alpträume in den Sinn, welche
meinen Schlaf so gepeinigt hatten. Asuka stand hinter mir, mit einem leichten
Grinsen im Gesicht. Und sprach noch während sie lachte...
'Baka!'
'Nur ein Spielzeug.'
'Ein erbärmlicher kleiner
Junge.'
'Glaubst du wirklich, dass ich
dich lieben könnte?'
'Du bist sowas von armselig.'
'Ein Feigling.'
'Heuchler.'
'Bedeutungslos.'
'Wertlos.'
'Nutzlos!'
'Wem solltest du schon etwas
bedeuten?'
'Wer würde denn einen Junge wie
dich lieben?'
'Wer...?'
'Wer...?'
'Wer...?'
Ich erstarrte, als ich spürte,
wie sich zwei Arme um meine Hüften schlungen und ein Kopf auf meine Schulter
sank. Einen Augenblick lang war ich stocksteif vor Angst, weil ich dachte das
es Asuka´s Arme wären. Aber ich entspannte mich gleich wieder als mir klar
wurde, dass dies die Wirklichkeit war - kein Traum und diese Arme daher nur
Rei´s sein konnten.
"Du wirst dich erkälten, wenn
du noch länger hier draussen bleibst," wisperte sie mir zu. In der kalten
Nachtluft konnte ich ihren warmen Atem auf meinem Rücken spüren. Ich kann nicht
ausdrücken, wie gut sich das in diesem Moment anfühlte.
"Ich konnte nicht
schlafen."
Als ich ihre Lippen auf meiner
Haut spürte, als sie langsam jeden Zentimeter meines Nackens liebkoste, verlor
ich jegliches Interesse an meine vorigen Gedanken. Ich wandte mich um und sah
das blauhaarige Mädchen an. Sie trug ein blaues Nachthemd, dass nur sehr wenig
der Fantasie überließ. Ich hatte sie überzeugen können, wenigstens etwas zu
tragen, solange sie in der Wohnung war, nur für den Fall, dass Misato oder
jemand von NERV unangekündigt vorbeischauen sollte. Ausserdem trug sie ihr
silbernes Kreuz, das jetzt an einer dazu passenden Kette hing. Soweit ich
wusste, trug sie es immer, ausser wenn sie den Badeanzug oder den Plugsuit
anhatte. Eigentlich hatte ich noch gar nicht darüber nachgedacht, was das Kreuz für sie bedeutete.
Ich sah in ihre roten Augen und
konnte darin erkennen, wieviel ich ihr bedeutete. Wie auf ein Zeichen hin
trafen sich unsere Lippen in vollkommener Übereinstimmung und wir blieben, wie
es schien, eine Ewigkeit miteinander verbunden.
"Ich werde dich sie
vergessen lassen..."
Rei nahm mich an der Hand und
führte mich in ihr Zimmer. Ich wehrte mich nicht dagegen. Kurz bevor ich den
Balkon verließ sah ich eine weiteres, letztes Mal auf unsere Stadt hinunter.
Ich hatte Unrecht. Es gab noch Dinge, die mir etwas bedeuteten...
Am ich am nächsten Tag aufwachte
bemerkte ich dass Rei nicht mehr im Bett war. Leicht besorgt stand ich auf und
suchte nach ihr. Ich fand sie in der Küche, als sie gerade das Frühstück
fertigmachte. Wir begrüssten uns mit einem kurzen Kuss, dann sagte sie mir das
ich mich setzen solle und sie mir gleich mein Essen bringen würde. Es war
seltsam auf diese Weise umsorgt zu werden. Dann kam mir ein merkwürdiger
Gedanke... es war genauso wie eine Ehefrau für ihren Mann sorgte... nun, ausser
die Frau hätte eine wichtigere Arbeit als ihr Mann. Bei Frauen wie Misato oder
Ritsuko konnte ich mir nur schwerlich vorstellen, wie sie für einen Ehemann
sorgen würden... besonders Misato, die konnte sich ja nicht mal um sich selbst
richtig kümmern. Trotzdem, der Gedanke daran war sonderbar. Es erinnerte mich
daran, was Rei vor einem Monat gesagt hatte.
'Es sollte nur eine Frage der
Zeit sein, bis wir verlobt sind.'
Das war gar keine schlechte
Idee. Falls wir verlobt wären hatte sie keinen Grund wegzugehen, oder?
"Lass dir Zeit mit dem
Essen, Shinji-chan. Ich werde ein Bad nehmen und danach deines
vorbereiten."
"Isst du nichts?"
"Ich habe keinen Hunger.
Mach dir keine Sorgen und geniess dein Frühstück."
"Ich geniesse alles, was du
machst."
Rei wurde rot und ging. Sobald
sie ausser Sicht war, fing ich gut gelaunt an zu Essen.
Sie bitten, meine Verlobte zu
werden. Konnte ich soetwas tun? Wollte ich das wirklich? War Rei meine Frau
fürs Leben? Aber war das wirklich von Bedeutung? Nun, es gab ja sonst niemanden
mehr...
Ich war gerade mit meiner
Miso-Suppe und dem Reis fertig, als es an der Tür klingelte. Das war sonderbar.
Wer würde so früh zu Rei kommen wollen? Neugierig ging ich nachsehen, wer
draussen war.
"Wer ist da?" fragte
ich, nachdem ich den Knopf für die Sprechanlage gedrückt hatte.
"Ich bin es."
Wut flammte in mir auf, als ich
die Antwort hörte. Asuka! Diese verdammte kleine...!
Ich beschloß, sie zu ignorieren,
wandte mich um und ging wieder in die Küche zurück. Aber sie klingelte weiter
und als das nichts half, begann sie zu klopfen. Noch dazu ziemlich laut. Nach
dem fünften Mal gab ich auf. Ich hatte vergessen, wie beharrlich sie sein
konnte.
"Was willst du?"
fragte ich mit meiner giftigsten Stimme, als ich die Tür aufmachte und in der
Öffnung stehen blieb, ohne sie hereinzulassen..
Asuka ging nicht darauf ein. Ihr
Gesicht war ausdruckslos, ohne jede Gefühlsregung. Sie sagte nur, "Heute
ist Dienstag."
Ich verstand sofort was sie
damit andeuten wollte. Ich konnte dieses Mädchen nicht begreifen. Wie konnte
sie es wagen mich zu fragen ob ich den Tag mit ihr verbringen würde nachdem was
sie getan hatte?
"Und weiter?"erwiderte
ich giftig.
Bildete ich es mir nur ein, oder
zuckte sie tatsächlich bei diesen Worten zusammen? Ob Einbildung, oder nicht,
ein Teil von mir genoss es.
"Es ist vorbei,"fuhr
ich fort. "Verschwinde."
"Nein!" Ihr
plötzlicher Ausbruch überraschte mich. Bevor ich etwas dagegen tun konnte,
schlug sie mich mit dem Ellbogen zu Boden und betrat die Wohnung.
"Wir müssen reden!"
Sie schien nicht wütend zu sein, eher... verzweifelt. Ich war durcheinander.
Das war nicht die Asuka die ich kannte.
"Raus."
Erschrocken von diesen Worten drehte ich mich um und erblickte Rei die
genau hinter mir stand. Offensichtlich war sie gerade im Bad gewesen, als Asuka
hereinstürmte, da sie nackt war, Seife und Wasser tropften noch von ihrer Haut
und den Haaren zu Boden. Ihre Augen sprühten vor Zorn.
Asuka schwieg. Sie stand einfach
da, blickte zuerst Rei, dann mich und dann wieder Rei an. Ihr Schmerz war
offensichtlich.
"Ich
verstehe..."wisperte sie zwischen zusammengepressten Zähnen. Bei diesen Worten konnte ich den Schmerz in
ihrer Stimme hören. Ohne es zu wollen, fragte ich mich, warum. Warum litt sie
so darunter? Weil jemand anders ihr Spielzeug benutzte? Tja, schlecht für sie.
"Verschwinde aus meiner
Wohnung," sagte Rei mit leiser, gedämpfter Stimme.
Asuka befolgte ihre Anweisung
ohne ein Wort des Protests und schloß sogar die Türe hinter sich. Ich konnte es
nicht fassen. Was war geschehen? Ich verstand die Welt nicht mehr. Hatte
sie...? Hatte sie nach alledem noch immer Gefühle für mich? Wenn ja, dann...
warum?
' Vielleicht war sie der
Meinung, dass dies der einzige Weg wäre...'
Konnte das wahr sein? Nein, das
war zu einfach... Aber wieso dann?
"Ich denke ich werde heute
bei dir bleiben," sagte Rei und unterbrach damit meinen Gedankengang.
"Das ist nicht
nötig..."
Sie schenkte mir ihr süßestes
Lächeln.
"Ich will es."
Ohne sich ihrer Nackheit zu
schämen kam sie zu mir und ihre Lippen trafen die meinen.
Als meine Hände über ihre
feuchte Haut fuhren hörte ich auf, weiter über Asuka nachzudenken...
Wir verlebten einen ruhigen Tag
miteinander. Die meiste Zeit versuchte ich, die Aufgaben der letzten
Schulmonate aufzuarbeiten. Rei las nur einfach still vor sich hin. Nun,
zumindest solange, bis sie anfing ein paar Mangas zu lesen, die sie sich von
Hotaru, ihrer Freundin geliehen hatte. Sie kichern zu sehen verblüffte mich
immer wieder. Eine Stunde nach dem Abendessen schreckte ein Klopfen an der Tür
mich und Rei auf. Aus Angst, dass es vielleicht wieder Asuka sein könnte, ließ
ich Rei öffnen.
"Hotaru-chan!"
"Rei-chan!"
Es erstaunte mich, die beiden Freundinnen sich umarmen zu
sehen, wie sie es sonst es nur mit mir tat, wo die Eine doch sonst so scheu und
die Andere immer noch ziemlich zurückhaltend war. Rei strahlte offenkundig vor
Freude, ihre Freundin hier zu sehen.
In dem Moment, als sie mich bemerkte,
wurde das junge Mädchen plötzlich still. Vermutlich machte ich sie unsicher.
"Hallo, Tomoe,"
begrüsste ich sie mit dem wärmsten Lächeln dass ich zustande brachte.
"Hallo,
Ikari-kun,"erwiderte sie, den Kopf gesenkt.
Ich fragte mich wirklich, warum
das Mädchen so scheu war.
Eine unangenehme Stille folgte.
Da meine Anwesenheit sie offensichtlich nervös machte, war ich drauf und dran
mich in mein Zimmer zurückzuziehen, als Rei´s Freundin nochmal zu sprechen
anfing.
"Ikari-kun... ka... kann
ich... Kann ich dir eine Frage stellen?"
Sie schien noch nervöser als
zuvor zu sein, falls das überhaupt möglich war. Sie war schon vor lauter
Nervosität schon ganz rot angelaufen.
"Äh.. Sicher, frag
nur."
"Warum bist du hier in
Rei-chan´s Wohnung? Ist heute nicht Dienstag?"
Ich ächzte, ohne es zu wollen.
Wussten denn alle davon?
"Es ist ohne Bedeutung,
welcher Tag heute ist. Es ist vorbei."
Das zerbrechlich wirkende
Mädchen schien darüber erstaunt zu sein.
"Bedeutet das, dass du ab
jetzt Rei-chan´s Freund bist?"
"Hotaru-chan!" rief
Rei tadelnd aus und wurde rot.
Ich machte mir darüber kurz ein
paar Gedanken. Ich dachte über die letzten Tage nach und konnte wirklich nur
eine einzige Antwort geben.
"I... Ich schätze ja."
"Yay!"
Diese Reaktion hatte ich nicht
erwartet. Vielmehr war dieser schnelle Gemütswechsel schon fast unheimlich...
"Ich habe die Wette
gewonnen!" rief das Mädchen stolz aus, bevor ihr klarwurde, dass sie das
lieber für sich hätte behalten sollen... Rei setzte einen strafenden Blick auf,
während ich wohl völlig entgeistert aussah.
"Eine Wette...?"
"Äh... du.. du kennst
unsere Klassenkameradin, Kuno Minami? Kurzes braunes Haar, ein Mädchen aus
einer reichen Familie?"
Ich nickte. Der Name kam mir
bekannt vor. Ausserdem erinnerte ich mich daran, den Namen während einem
Streitgespräch über das Telefon von Misato gehört zu haben, das schon ein paar
Wochen zurücklag. Falls ich richtig lag, gehörte Kuno Minami´s Mutter eine der
grössten Firmen, die für die Reparaturarbeiten in Tokyo-3 zuständig waren.
Gerüchten zufolge kosteten ihre Dienste ein Vermögen aber falls ein Schaden
anfiel, war ihre Bergung und Baumannschaft angeblich am schnellsten.
"Nun, sie fing eine Wette
an, welches Mädchen deine Freundin werden würde, Rei, Asuka oder Hikari."
Nicht schon wieder der Klatsch
mit Hikari... Tja, glücklicherweise gingen sie und Touji jetzt miteinander aus,
also musste ich davor keine Angst mehr haben. Ausser Hikari hätte ihm von der Episode
am See erzählt.
"Es scheint," fuhr
Hotaru fort, "dass sie die Idee von ihrer Mutter hat. Minami´s Mutter
hatte viel Geld verdient, indem sie darauf wettete mit welchem Mädchen der
Verlobte ihrer Schwester ausgehen würde. Manche Gerüchte besagten auch, von
Wetten, welchen Freund der Verlobte ihrer Schwester ausführen würde, was aber
wirklich keinen Sinn macht..."
"Und du hast auf mich
gesetzt?"fragte Rei schlicht.
Das Mädchen errötete.
"Nun, du bist meine beste
Freundin. Ich musste dich unterstützen..."
Rei´s Gesicht entspannt sich.
"Das war süß von dir,
Hotaru-chan."
"Also, was hat dich
hergeführt, Tomoe?"fragte ich und versuchte damit das Thema zu wechseln.
Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass jemand verrucht genug war, Wetten
auf mein Liebesleben abzuschließen...
"Oh...das hätte ich fast
vergessen."
Sie zog einen großen Packen
Papier aus der Tasche, die sie bei sich trug.
"Hier ist ein Ausdruck von
euren Schularbeiten."
Verdammt! Ich war noch kaum mit
den vorherigen Aufgaben fertig... Nun ja, das würde mich beschäftigt halten.
"Das alles in nur zwei
Tagen?" fragte ich ein bisschen neugierig. Das war tatsächlich etwas
komisch.
"Tja, der Sensei ist krank
und seine Vertretung hat kaum Interesse an der Geschichte des Second
Impact."
"Also wird im Unterricht
wirklich einmal gearbeitet?"
"Ja. Und unsere
Hausaufgaben sind echt schwierig..." beschwerte sich das Mädchen.
"Brauchst du Hilfe
dabei?" erkundigte sich Rei.
Das schwarzhaarige Mädchen
strahlte über das ganze Gesicht.
"Du würdest mir
helfen?"
Rei nickte lächelnd.
"Großartig! Aber ich habe
meine eigenen Hausaufgaben bei mir zu Hause liegen lassen..."
Rei sah mich an. Stillschweigend
stimmte ich ihrer unausgesprochenen Frage zu.
"Dann komme ich mit."
Die Mädchen gingen ein paar
Minuten später. Das war vielleicht gar nicht mal so schlecht. Ein Teil von mir
fühlte sich schuldig, Rei allein für sich in Anspruch zu nehmen, auch wenn es
ihre eigene Entscheidung war. Es tat gut zu sehen, wie sie sich mit einer
Klassenkameradin und Freundin traf, wie es ein normales Mädchen tun würde.
Die Schule. Vielleicht war es
Zeit wieder hinzugehen. Aber Asuka würde dort sein. Konnte ich ihre Anwesenheit
ignorieren, wenn ich es versuchte? Ich war mir nicht sicher. Aber ich konnte
mich wirklich nicht länger hier verstecken.
Vielleicht nur noch einen
weiteren Tag... Es gab noch soviel, worüber ich mir klarwerden musste.
Hauptsächlich über meine Gefühle für die beiden Mädchen.
Als Rei kurz vor Mitternacht
nach Hause kam, war ich immer noch wach und wartete auf sie. Wir tauschten
flüchtig einen Kuss, dann gingen wir gemeinsam in ihr Zimmer. Dieses Mal fühlte
es sich an, als wäre es die natürlichste Sache auf der Welt.
* * *
"Es macht dir doch nichts
aus, wenn ich zuerst bade, oder?"
Diese Worte rissen mich wieder
in die Realität zurück. Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass mir gar
nicht zu Bewusstsein kam, dass Rei bereits wach war. Ich lächelte sie an. Sie
war so niedlich mit ihren noch halb geschlossenen Augen und ihrem Haar, das
noch um einiges mehr durcheinander war, als sonst. Ich konnte nicht anders, als
ihr einen leidenschaftlichen Kuss aufzudrücken. Sie beschwerte sich nicht, ganz
im Gegenteil.
"Eine schöne Art am Morgen
begrüsst zu werden,"sagte sie mit einem Lächeln.
"Du weisst, dass ich es
noch besser kann," erwiderte ich grinsend.
Rei antwortete, indem sie mir
einen schnellen Kuss auf die Stirn gab, bevor sie aus dem Bett stieg.
"Es tut mir Leid, aber ich
sollte heute wirklich zur Schule. Hotaru-chan wollte mich früh dort treffen,
weil sie immer noch bei ein paar Sachen meine Hilfe braucht."
Ich nickte ihr zu.
"Schon in Ordnung. Nur
nebenbei, ich wollte auch schon früh ins Hauptquartier und zusehen, ob ich
Kaji-san finden kann."
Sie nickte.
"Ja. Ich bin sicher dass er
dir helfen kann. Wenn ich richtig verstanden habe, hat Major Katsuragi in ihn
der Vergangenheit abgewiesen. Er sollte in der Lage sein, dir dabei helfen,
alles besser zu begreifen. Dann wirst du verstehen, dass es keinen Grund gibt,
dein Leben vor der Vergangenheit beeinflussen zu lassen."
Es klang vernünftig. Aber nach
all diesen Jahren hatte Kaji schließlich immer noch Gefühle für Misato. Würde
es auch so bei Asuka sein? War es möglich, zu vergessen? Vielleicht. Ich hatte
ja Rei. Das war ein sehr guter Grund, zu vergessen...
"Je mehr Zeit vergeht,
desto mehr fühle ich das ich dir glauben kann, Rei-chan."
Sie lächelte.
Ich sah ihr dabei zu, wie sie
ihre Schulkleider zusammensuchte und zum Badezimmer ging. Erst dann schaffte
ich es aus dem Bett zu steigen. Trotz alledem fühlte ich mich gut. Ich summte
eine kleine Melodie als ich das Frühstück machte.
* * *
Nachdem ich eine Zeitlang
gesucht hatte, fand ich Kaji am wie er über Misato an einem Getränkeautomaten
lehnte. Beide machten ein ernstes Gesicht, was für Kaji ziemlich ungewöhnlich
war. Hier musste ein wichtiges Gespräch stattgefunden haben.
Sofort wichen die Beiden
auseinander und versuchten sich ungezwungen zu verhalten. Sie hatten
wahrscheinlich meine Schritte gehört. Misato wirkte verunsichert, als sie mich
sah. Irgendetwas ging hier vor. Wahrscheinlich etwas, von dem ich nichts wissen
sollte.
"Tja, ich muss zu
Ritsuko..."sagte Misato zu Kaji. Dann sah sie mich an. "Hallo, Shinji-kun."
"Hallo, Misato-san."
Sie sah mich kaum an. Sie ging einfach. War
das, weil ich mich entschieden hatte von ihr weg zu Rei zu ziehen? Ich würde
mich damit wohl später auseinandersetzen müssen. Jetzt hatte ich andere
Probleme, um die ich mich kümmern musste.
"Hi, Shinji-kun!"
Kaji war wieder fröhlicher Stimmung, wie gewohnt.
"Kaji-san... Ich.. Ich
würde gerne mit dir.. über etwas reden..."
"Deinem Gesichtsausdruck
nach zu urteilen scheint es wichtig zu sein."
"Das ist es für mich."
Der Mann nahm sich ein paar
Sekunden zum Nachdenken Zeit. Dann lächelte er.
"In Ordnung. Aber der Platz
hier ist nicht gut um zu reden. Komm mit, ich werde dir etwas schönes
zeigen," schlug er mir vor und ließ dabei sein Ladykiller Lächeln
aufblitzen.
"Ich bin ein Junge,"
erinnerte ich ihn.
* * *
Was für eine Überraschung! Als
ich mich vorbeugte um besser sehen zu können, traute ich meinen Augen nicht.
Wenn man daran dachte, dass soetwas, hier, nahe am NERV Hauptquartier...
"Sind das
Wassermelonen?"
"Sind sie nicht
schön?" sagte Kaji, der offensichtlich stolz auf seine Arbeit war.
"Das ist meine Freizeitbeschäftigung. Halt das vor den Anderen geheim.
Etwas zum Wachsen zu bringen ist wundervoll! Wir können viele Dinge dadurch
lernen und verstehen. Und es bringt Freude."
"Und es bringt
Schmerz."
Zum zweiten Mal an diesem Tag
sah ich den Ernst in Kaji´s Zügen. Höchstwahrscheinlich so ernst, wie meine
eigenen.
"Haßt du den Schmerz?"
"Ja..."
"Hast du gefunden, was dir
Freude bereitet?"
"Ich dachte, dass es so
wäre. Aber es bringt nur noch mehr Schmerz. Jetzt weiss ich nicht..."
Ich musste an die vergangenen
Tage denken. Sogar jetzt, als ich anfing, mich Dank Rei glücklich zu fühlen,
fragte ich mich, ob es auch anhalten würde.
"Ich verstehe. Der Vorfall
beim Campen, oder?"
"Du hast davon
gehört?"fragte ich überrascht.
"Ja. Katsuragi hat mir
davon erzählt. Ein wahrhaft schönes Schlamassel. Du willst meine Meinung dazu
hören, nicht wahr?
Bestätigend nickte ich ihm zu.
"Asuka ist ein
kompliziertes Mädchen, aber kein schlechtes. Ich glaube nicht, dass sie dir weh
tun wollte. Wahrscheinlich solltest du ihr die Chance geben, ihr Verhalten zu
erklären."
"Touji meint das
auch."
Als ich das sagte schien Kaji
kurz überrascht zu sein, aber der Ausdruck verflog so schnell wie er gekommen
war. Seltsam.
"Ein weiser Rat. Du
solltest auf deinen Freund hören."
"Aber.. ich weiss nicht,
was ich machen soll. I.. Ich.. ich habe Angst davor, ihr
gegenüberzutreten."
Kaji ließ sich wieder ein paar
Sekunden Zeit, ehe er antwortete.
"Katsuragi muss wegen einer
Geschäftsreise fort und ich soll heute Nacht auf euch Kinder aufpassen, obwohl
niemand so recht einen Sinn darin sehen will, besonders weil du mit Rei in
einer anderen Wohnung bist. Du solltest mit mir kommen. Vielleicht wird meine
Anwesenheit die Sache zwischen euch beiden ein wenig entschärfen. Du weisst,
dass ihr Zwei euch unterhalten müsst, oder? Ansonsten würdest du dir später
immer wieder die Frage stellen müssen, warum sie sich letztendlich so verhalten
hat."
Von dieser Aussicht nicht gerade
begeistert murmelte ich nur "Ja, ich schätze dass müssen wir."
Der ewig unrasierte Mann
lächelte mir zu.
"Gut. Ihr alle habt einen
Synch-Test heute nachmittag. Wenn du damit fertig bist, können wir miteinander
essen gehen und danach kannst du mit mir zu Katsuargi´s Wohnung kommen. Ich
bezahle."
Die Synchronisations-Test. Die
hatte ich ganz vergessen. Das hieß, dass ich sie dabei treffen würde.. Ich
verdrängte den Gedanken daran und versuchte fröhlich zu sein.
"Großartig!"
* * *
"Und, Shinji-kun, bist du
bereit?"
"Nicht wirklich, aber ich
muss wohl."
Kaji nickte und klopfte an die
Tür. Ich hätte sie selbst öffnen könne, da ich immer noch meine Zugangskarte
besaß, aber meiner Meinung nach war es besser, wenn Kaji die Sache in die Hand
nahm. Nur Sekunden nach seinem Klopfen hörten wir Asuka´s Stimme aus der
Wohnung.
"Kaji-san!"
Sie schien wie eh und je in Kaji
vernarrt zu sein. Meiner Meinung nach war das auch nicht besonders
überraschend.
Das rothaarige Mädchen öffnete
die Tür mit einem breiten Lächeln. Als sie jedoch mich sah, löste es sich in
Nichts auf.
"Ich bin der Meinung, dass
ihr beide euch unterhalten müsst," sagte Kaji schlicht, noch während er
die Wohnung betrat.
Asuka und ich blieben regungslos
stehen und schwiegen uns an, bis Kaiji rief, dass das Wohnzimmer zum Reden wohl
besser geeignet sei. Jedoch verharrten wir weiter regungslos, nachdem wir uns
an dem kleinen Tisch gegenübergesetzt hatten.
"So, während ihr beide euch
unterhaltet, werde ich ein Bad nehmen, denke ich..."
Das zu hören versetzte mich fast
in nackte Panik. Kaji zeigte mir nur ein kleines Lächeln und verschwand im
Badezimmer. Dann erst wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder Asuka zu. Tja, da
war ich nun. Sollte ich nicht die Frage stellen, die mein Gewissen seit jener
Nacht so plagte? Wie schwer konnte das schon sein? Ziemlich schwer, so wie es
aussah, da mir die Worte im Hals steckenblieben. Jedesmal, wenn ich kurz davor
stand etwas zu sagen, fielen mir wieder die Träume der vergangenen Nächte ein
und hinderten mich an jedem Versuch zu sprechen, den ich machte. Und hätte es
überhaupt einen Sinn? Sie würde mich nur auslachen. Aber... als ich ihr das
Gesicht zuwandte... Die Asuka mir gegenüber hatte mit der aus meinen Alpträumen
nichts gemein. Diese Asuka hatte den Blick wortlos auf den Boden geheftet und
wagte nicht zu sprechen. So war ich Asuka gar nicht gewohnt...
"Warum?" brachte ich
schließlich doch noch heraus.
Gott sei Dank! Alles in Ordnung,
das Eis war gebrochen, der Ball im Spiel. Asuka ließ sich Zeit, bevor sie mir
eine Antwort gab. Sie schien wahnsinnig aufgeregt zu sein. Einige Male schien
sie kurz davor zu stehen etwas zu sagen, aber sie brach ab und biß sich auf die
Lippe. Ein seltsamer Anblick.
"I... Ich... Ich wusste nicht,
was ich sonst hätte tun sollen... I... ich wollte nicht, dass sich Alles so
entwickelt. Als... als ich sagte, dass ich Touji und Hikari zusammenbringen
wolle... das war auch so gemeint! Anfangs war das das Ziel. Aber recht
schnell.. wurden mir.. die Möglichkeiten bewusst, die sich daraus ergaben.
Sobald die Zwei zusammengekommen wären.. hätte das bedeutet,... dass wir allein
zurückgeblieben wären. Allein. Ohne dass Misato oder Rei uns gestört hätten.
Bloß ein Augenblick für uns beide... nur für uns."
"Damit wir miteinander
hätten schlafen können, ohne dass sie davon erfahren hätten!"schrie ich
sie an, unfähig mich zu beherrschen und ohne mir die Zeit zu nehmen, zu
verstehen, was sie gerade gesagt hatte.
Asuka schüttelte verneinend den
Kopf.
"Nein! Daran hatte ich nie gedacht! Ich schwöre es! Es ist
nur... ich hatte Angst, dass diese Nacht.. dass sie nicht andauern würde! Wir
hätten eine gute Zeit, dann wäre das Wochenende vorbei... und dann... dann...
wären wir wieder in Tokyo-3 und... am nächsten Tag wärst... wärst du... wärst
du wieder in ihren Armen! So wie du es immer getan hast!"
Diese Worte machten mich betroffen. Endlich gelang es mir, die Verbindung
zwischen dem Ganzen zu sehen. Als ich die Tränen sah, konnte ich ihren Schmerz
in meinem Herzen fühlen.
"Ist dir klar, wie sehr es
mich schmerzt?!" fuhr sie mit einem leichtem Zittern fort, als wenn sie
gleich in einen Weinkrampf ausbrechen würde. "Weisst du , wie weh es tut,
dich Nachts festzuhalten mit dem Wissen, dass du am nächsten Tag sie, anstelle
von mir in den Armen halten wirst?! Weisst du, wie ich mich fühle, wenn wir in
der Schule gemeinsam essen und du SIE, anstatt mich ansiehst?! I... Ich... Ich
war verzweifelt... Ich wusste, dass... dass ich dich auf lange Sicht... verlieren
würde. Ich tauge zu nichts, ausser die
EVAs zu steuern... Das ist alles, was ich kann und selbst dabei bin ich nicht
mehr die Beste. Sie.. sie kocht wie ein Chefkoch... während ich kaum ein
Fertiggericht zustande bringe. Sie putzt, macht die Wäsche, ihre Wohnung
funkelt immerzu... hier erwarte ich von dir, dass du alle Hausarbeiten
erledigst und mein Zimmer ist das totale Chaos. Sie ist gut in der Schule...
weisst du eigentlich, dass sie die Beste in der Klasse ist, obwohl sie die
Hälfte der Stunden nicht da ist? Ich kann kaum mithalten, da ich all das Kanji
nicht verstehe... ich... mit einem Hochschulabschluß... wie erbärmlich..."
Das Mädchen vor mir, das immer
der Inbegriff von Selbstsicherheit gewesen war, war in Wirklichkeit nicht mehr
als ein ganzes Sammelsurium aus Fehlern. Ich konnte es nicht fassen. Asuka war
der zäheste Mensch den ich kannte und eindeutig der Eigensinnigste noch
obendrein. Nie war etwas anderes als Arroganz von ihr ausgegangen und ihr
zuzuhören brachte mich so durcheinander, wie man es erwarten sollte. Es war
mehr, als ich erwartet hatte weil ich ihre Überheblichkeit auf eine seltsame
Weise schon fast angenehm fand. Ich weiss es klingt komisch, aber wenn sie sich
so gebieterisch benahm hoffte ich insgeheim, eines schönen Tages mit meinen
Zweifeln auf dieselbe Weise fertig werden zu können. So mutig wie sie zu sein.
Und jetzt sah ich ihr dabei zu,
wie sie ganze Arbeit dabei leistete, sich selbst zu zerstören. Ich hatte einmal
geglaubt, dass sie so wie ich wäre, weil sie die Menschen von sich stieß...
aber *soetwas* hätte ich mir nie träumen lassen. Es war erschreckend, wie
ähnlich wir uns in Wirklichkeit waren.
Ich durchlebte einen meiner
schlimmsten Alpträume. Meine Unentschlossenheit hatte einer von Beiden
geschadet, so wie ich es befürchtet hatte. Ich schämte mich wahrhaftig für mich
selbst. Es... war alles meine Schuld. Alles. Ich war derjenige den man die
Schuld geben mußte. Ich war die Quelle meines eigenen Leids, genau wie immer.
Aber ich hatte ihr die Schuld dafür gegeben... Ich war gemein zu ihr gewesen.
Ich hatte sie sogar dafür gehasst. Und jetzt... was immer ich auch an
Selbstsicherheit besessen haben mochte, schrumpfte in diesem Moment mit
unglaublicher Geschwindigkeit zu einem kümmerlichen Rest zusammen.
Falls es wirklich möglich war,
verdüsterte sich Asuka´s Miene noch weiter. Es fühlte sich so an, als wenn man
ein Messer tief in mein Herz getrieben hätte.
"Und wenn es nur das
gewesen wäre... aber... sie ist so nett zu dir! Sie würde wahrscheinlich für dich
sterben, wenn es sein müsste! Und sie ist beinahe so hübsch wie ich!"
Der Klang ihrer Stimme klang
immer leiser zu mir über den Tisch. Sie wirkte leblos und leer. Verzweiflung
war alles, was sie auszudrückten vermochte. Noch während ich ihr zusah schien
sie in sich selbst zusammenzusinken. Sie wickelte ihre Arme fest um ihre Brust
und zog die Beine an.
"Aber was noch schlimmer
ist.. sie liebt dich und hat keine Angst davor, es zu zeigen. Also sag mir,
Shinji... wie kann ich darauf hoffen, sie auszustechen? Ich habe keine
Chance... gar keine... daher dachte ich... wenn wir etwas teilen würden, was
ihr beide vorher noch nicht... Würdest du vielleicht... Es war eine dumme
Idee."
"Asuka..."
Ihr Gesicht war jetzt weit
vornüber gebeugt, ihre Augen, teilweise von dem roten Haar verdeckt, waren
geschlossen.
Ich wusste nicht, was ich sagen
sollte. Ich fühlte mich von Asuka´s Worten überrumpelt. Also liebte sie mich
tatsächlich?
"Ich kann dir keine Schuld
geben, wenn du dich für sie entscheidest. Jeder mit dem kleinsten bischen
Verstand würde diese Entscheidung treffen."
"Asuka... Ich..."
Sie unterbrach mich. Nun,
irgendwie zumindest. Ich war mir nicht sicher, was ich ihr sagen sollte. Was
hätte ich schon sagen können? Auch wenn sie mich wirklich liebte, hatte ich
doch immer noch Gefühle für Rei.
"Mach dir keine Sorgen,
Shinji. Ich habe bis jetzt nur allein, selbständig und selbstsüchtig für meine
eigenen Werte und Wünsche gelebt. Ich brauche weder dich, noch irgendjemand
sonst dafür. Ich.. ich will nicht mehr alleine sein. Wenn ich könnte... würde
ich lieber bei dir als alleine sein. Aber jetzt ist es dafür zu spät.
Ausserdem... nur ein Teil deiner Liebe ist nicht genug. Wenn ich dich nicht
ganz für mich haben kann, dann nehme ich lieber gar nichts..."
"Asuka..."
Sie hob den Kopf und blickte
mich an. Ich konnte die Trauer in ihren Augen sehen und dennoch war da noch
mehr. Einen Augenblick erschien es mir so, als ob sie mit sich selbst Frieden
geschlossen hätte. Ein nur angedeutetes Lächeln huschte über ihr Gesicht, eine
Lächeln, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Den Umständen zum Trotz kam
mir der Gedanke, dass ich niemals zuvor soetwas Schönes gesehen hatte.
"Es ist in Ordnung. Ich
komme alleine zurecht. Werde glücklich mit Rei... Shinji...Ich.. Ich liebe
dich..."
Nachdem sie das gesagt hatte,
hatte sie die Grenze ihre noch verbliebenen Kräfte erreicht und zog sich in ihr
Zimmer zurück.
Sie hatte gerade gesagt, dass
sie mich liebte... sie liebte mich...
Ich wollte ihr nach, aber eine starke Hand packte mich bei der
Schulter. Erstaunt sah ich Kaji, der immer noch seine Kleidung anhatte und
dessen Haar offensichtlich trocken war. Dem Anschein nach hatte er doch kein
Bad genommen.
"Lass sie jetzt allein. Sie
braucht Zeit zum Nachdenken. Und du auch. Du solltest nicht den gleichen Fehler
wie früher machen und überstürzte Entscheidungen treffen."
Obwohl mir mein Herz befahl ihr
zu folgen verstand ich den Sinn seiner Worte. Ich nickte und Kaji ließ mich
los. Dann erschien ein wildes Grinsen auf seinem gerade noch so ernstem
Gesicht.
"Tja, ich hatte nicht
erwartet, dass sie es laut sagen würde. Wenn die Dinge nicht so kompliziert
liegen würden, sollte ich dir gratulieren, Shinji-kun. Nicht jeder kann das
Herz von diesem Mädchen für sich erobern. Also, was wirst du jetzt
machen?"
Ich wusste es nicht. Wirklich
nicht. Mehr als je zuvor waren meine Gedanken ein einziges Durcheinander.
"Morgen zur Schule gehen,
so wie es aussieht. Und dann abwarten, was passiert..."
Ich war kurz davor zu gehen,
aber ganz plötzlich änderte ich meine Meinung. Ich war mir nicht sicher, ob es
eine gute Idee wäre, Rei jetzt gegenüberzutreten.
"Kaji-san? Würde es dir
etwas ausmachen, wenn ich heute Nacht hierbleiben würde? Ich könnte noch ein paar Ratschläge brauchen..."
"Ich weiss nicht, ob ich
dir noch weiter helfen kann, aber deine Gesellschaft wird mir ein Vergnügen
sein, Shinji-kun."
"Ich danke dir..."
(Fortsetzung folgt...)
Nächstes Mal:
Kapitel 6, Teil 3 – Das Fourth Children