Neon Genesis Evangelion: Meine Liebe gilt...
Kapitel 9 - Zerbrochene Seele / Ich bin für dich da
Geschrieben von Alain Gravel rakna@globetrotter.qc.ca
Übersetzt von Markus Steiner <schweinehirt@t-online.de>
Mit Dank an Melissa Schneider für ihre tatkräftige und
manchmal auch ironische Unterstützung
http://www.geocities.com/Tokyo/Teahouse/2236/
Based on
characters created by and copyright to GAINAX
WARNUNG: Diese Kapitel enhält Lime Elemente.
Auf dem Rückweg nach Hause starrte ich die ganze
Zeit vor mich hin. Ich war besorgt über die heutigen Testergebnisse. Rei hatte
ihre Synchrorate gehalten. Meine hatte sich erhöht. Asuka´s Synchrorate hatte
aber einen neuen Tiefpunkt erlangt.
Mir war bereits aufgefallen das sie seit dem Kampf gegen den
14. Engel langsam, aber stetig gesunken war, aber sie war noch nie so schlecht
wie jetzt gewesen. Ein paar Punkte niedriger und sie würde nicht einmal mehr in
der Lage sein ihren EVA zu starten. Und mir ging einfach nicht aus dem Kopf was
nur ein paar Minuten zuvor passiert war...
* * *
"Du mußt doch glücklich sein. Du hast deine Punktzahl
erhöht. Wieder einmal. Jetzt wo das kleine Miststück Asuka ihren EVA nicht mehr
steuern kann, liegt es ganz allein bei dir und der Streberin! Oh.... aber du
brauchst die Streberin ja nicht.... du bist ja schließlich der unbesiegbare
Shinji! Die brauchen uns Mädchen nicht mehr. Wir müssen überhaupt nichts mehr
tun. Sie brauchen nur Shinji! Er kocht, wäscht und tötet Engel! Wenn Shinji da
ist, wird alles gut werden!"
Wir waren für ein paar Augenblicke schweigend mit dem Aufzug gefahren, als Asuka plötzlich explodierte.
Ich wurde davon vollkommen überrascht und
starrte sie nur verdutzt an. Das machte sie nur noch wütender.
"Sieh mich nicht mit diesem
dämlichen ratlosen Blick an, du Trottel!"
"Ent.... Entschuldige."
Ihre Ohrfeige kam hart und schnell. Die Überraschung und die
Wucht ihres Schlages reichten aus, um mich zu Boden gehen
zu lassen. Ich mußte nicht einmal nachsehen um zu wissen das meine Wange
für längere Zeit zerkratzt und geschwollen aussehen würde. Es hatte ganz schön
wehgetan. Als ich mit meiner Hand die Stelle berührte wo sie mich geschlagen
hatte, machte sich ein erschreckter Blick auf dem
Gesicht des Mädchens breit.
"Mein
Gott! Shinji!"
Sie kniete sich nieder und als ihre Finger meine Wange
berührten zuckte ich vor Schmerz zusammen.
"Es... Es tut mir leid... Ich... Ich habe es nicht so
gemeint... Es tut mir so leid!"
Zu diesem Zeitpunkt kam mir zum ersten Mal der Gedanke das
mit Asuka irgendetwas nicht stimmen konnte.
"Ist schon in Ordnung," sagte ich und versuchte
trotz meiner Schmerzen zu lächeln. "Es hat gar nicht wehgetan."
"Lügner."
Ich zuckte mit den Schultern.
Ich stand auf und reichte ihr eine Hand um ihr aufzuhelfen,
als der Lift anhielt und die Tür aufging. Vor dem Lift stand Leutnant Ibuki und
starrte uns mit einem leicht schockierten Ausdruck
an, während ihr Gesicht langsam rot anlief. Ich wollte gar nicht erst
wissen was für Gedanken ihr gerade durch den Kopf gingen. Asuka stand auf und
wir verließen beide schnellstmöglich den Lift.
"Du scheinst wegen irgendetwas wütend zu sein ..."
sagte ich ohne wirklich darüber nachzudenken als wir zum Ausgang gingen.
"Natürlich bin ich wütend! Wie würdest du dich denn
fühlen wenn du dein ganzes Leben lang einzig und allein auf ein Ziel
hingearbeitet hast und am Ende alles für nicht und wieder nichts war? Ich habe
zehn lange Jahre trainiert um EVA steuern zu können. Zehn Jahre, Shinji! Ich
sollte die Beste sein! Ich habe dafür
geschuftet, verflucht nochmal! Ich habe hart dafür geschuftet! Stattdesssen
werde ich von dir geschlagen! Dabei steuerst du EVA noch nicht mal ein ganzes
Jahr! Und dabei versuchst du es noch nicht einmal! Was zur Hölle habe ich
getan, um von so einem Idioten den sie sich einfach
von der Straße geholt haben geschlagen zu werden?!"
Ich wußte wirklich nicht was ich sagen sollte.
"Asuka... es... es tut mir leid..."
"Schau mich nicht so an! Das letzte was ich will ist
dein Mitleid, Third Children!"
Als sie das gesagt hatte, rannte sie fort....
* * *
"Stimmt irgendetwas nicht, Shinji?"
Ich blinzelte als ich aus meinen Überlegungen
herausgerissen wurde, und sah das Rei sich neben mich gesetzt hatte. War ich so
geistesabwesend gewesen das ich sie gar nicht bemerkt hatte?
"Rei-chan... Ich... ich mache mir Sorgen um Asuka. Ihre
Ergebnisse beim heutigen Test... und sie scheint gar nicht mehr sie selbst zu
sein..."
Ich konnte einen Schimmer von Besorgnis ihn ihren
Augen sehen.
"Ja, ich habe es auch bemerkt. Ihr ganzes Leben hat sich immer um ihre Aufgabe als EVA-Pilot
gedreht. Aber in letzter Zeit fühlt sie sich als wenn
ihre Welt sich langsam auflösen würde. Mit jeder Mission in der du sie
übertroffen hast."
"Das ist nicht wahr!"
Sie schüttelte den Kopf.
"Doch, das ist es, und das weißt du auch. Der Kampf
gegen den sechsten Engel war nur erfolgreich, weil du mit ihr in Einheit-02
warst (1). Alleine hätte sie wahrscheinlich keinen Erfolg gehabt. Sie war es die am härtesten arbeiten mußte um mit dir für
den Kampf gegen den siebten Engel zu synchronisieren. Sie wäre in der achten
Mission ohne dich gestorben. Sie hat zwar den zehnten Engel getötet, aber du
warst derjenige der ihn aufgefangen hatte, und uns damit alle gerettet hat.
Einheit-01 hat auch den 13. Und 14. Engel zerstört während sie in diesen
Kämpfen schwer angeschlagen wurde. Und seit dem zwölften Engel, wurde deine
Synchrorate langsam immer höher als ihre. Ihr Lebensziel war es die beste EVA
Pilotin zu werden. Aber jetzt bist *du* der Beste. Deshalb ist sie ihrer
Meinung nach nutzlos geworden."
Asuka? Nutzlos? Unmöglich!
"Aber das ist nicht wahr! Wir sind ein Team! Wenn kümmert es schon wer der beste Pilot von uns
ist?!"
"Sie kümmert es. Und jetzt,
muß sie auch noch mit mir um dich kämpfen. Und vor ein paar Wochen, hast du
dich um eine Entscheidung gedrückt. Ihrer Meinung nach ist das ein weiteres
Zeichen von Schwäche, selbst wenn sie nicht zurückgewiesen wurde.
Als ich das hörte, musste ich erstmal tief Luft holen.
"Willst du damit sagen das alles meine Schuld
ist?"
"Nein. Ich spreche einfach nur das aus, was sie möglicherweise denkt."
"Was willst du mir dann damit sagen? Das ich mich für
sie entscheiden und dich unglücklich machen soll nur um ihr zu helfen?"
"Nein. Ich würde für ihr Glück nicht auf dich verzichten."
Ich konnte Entschlossenheit in ihren Augen aufblitzen sehen. Mir war klar, sie würde nicht eher aufgeben, bis ich es
ihr sagte.
"Was kann ich dann tun?"
Das blauhaarige Mädchen lächelte.
"Sei einfach du selbst. Der fürsorgliche
Shinji den wir beide so lieben."
".... Glaubst du wirklich das das ausreichend
ist?" fragte ich sie. Einfach nur ich selbst zu sein erschien mir so...
armselig.
"Es wird reichen. Allein dadurch das du für uns da
bist, hast du unsere Leben besser gemacht. Habe
Vertrauen in dich."
"Aber Asuka..." Sie legte ihre Hand auf meine.
"Wird sich wieder beruhigen. Ihre
Gefühle sind stark, aber sie wird nicht von ihnen kontrolliert. Sie wird bald
merken das das hier kein Wettstreit ist. Alles was sie braucht ist ein wenig
Zeit."
"Glaubst du?" fragte ich mit einem Anflug von
Hoffnung in meiner Stimme. Sie nickte, und hatte dabei immer
noch ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
"Danke Rei-chan..."
Wir umarmten uns beide. Ich war froh das ich mit Rei darüber
gesprochen hatte. Danach fühlte ich mich nicht mehr so besorgt wie zuvor. Ich
war mir sicher das wir einen Weg finden würden um unsere Probleme zu lösen.
"Da ist vielleicht noch etwas anderes..."
Das holte mich wieder auf den Boden der
Tatsachen zurück. Irgendetwas in ihrer Stimme ließ mich stutzig werden.
"Sie hatte sich ungewöhnlich verhalten als wir von
deiner Wohnung zurückkamen, in der Nacht... in der
der Major geweint hat.". Asuka sah bestürzt aus. Als ich sie fragte was
denn nicht stimmte, meinte sie, sie fühle sich schuldig dich alleingelassen zu
haben als du dich um den Major gekümmert hast. Aber... irgendwie spürte ich das
das nicht alles sein konnte. Sie hatte einen so merkwürdigen
Gesichtsausdruck..."
"Einen merkwürdigen Gesichtsausdruck?"
"Ja. Ein paar Tage später habe ich ihn wieder gesehen
als sie einen Anruf aus Deutschland bekommen hatte."
Deutschland?
"Ich glaube das danach diese Träume begonnen
haben."
"Träume?"
"Ja. Alpträume, glaube ich. Manchmal hatte sie auch im
Schlaf geweint. Aber es scheint ihr nicht bewusst zu
sein."
Asuka, weinte im Schlaf... Ich hatte sie schon einmal weinen
sehen, in der Nacht vor unserem Kampf gegen den siebten Engel. Aber sie hatte
nur eine einzige Träne vergossen. Auch hatte sie im Schlaf nach ihrer Mutter
gerufen. Konnte das etwas mit dem was Rei mir eben erzählt hatte zu Tun haben?
Ein Anruf aus Deutschland... war das vielleicht... ihre Mutter? Und was Misato
betrifft... hat die Art und Weise wie ich mich um Misato gekümmert habe sie vielleicht
an ihre eigene Mutter erinnert? Vielleicht hatte sie Heimweh. Mir wurde klar
das ich nur sehr wenig über Asuka wußte.
Plötzlich heulten die Alarmsirenen auf.
"Ein Engel?" fragten Rei und ich gleichzeitig.
Die Bestätigung erhielten wir als unsere Mobiltelefone
klingelten.
Oh Mann, was für ein Tag! Nicht
genug, dass man uns schon die letzten paar Stunden in LCL eingeweicht hatte,
jetzt mussten wir wieder zurück und werden wahrscheinlich auch noch getötet.
Das konnte ja nur noch besser werden...
* * *
Mir war langweilig. Das hört sich vielleicht seltsam an,
besonders wenn man in Betracht zog das wir uns im Alarmzustand befanden, aber
so fühlte ich mich eben momentan. Da Einheit-01 nach wie vor stillgelegt war, war das einzige was ich tun
konnte in der Zugangskapsel zu sitzen und dem Funkverkehr zuzuhören. Ich war
nicht wirklich daran interessiert in einen Kampfeinsatz zu gehen, aber ich
hätte es vorgezogen bei den Mädchen zu sein anstatt hier völlig nutzlos
herumzusitzen. Ich wünschte mir ich hätte meinen SDAT-Player mitgebracht.
Obwohl, das LCL hätte ihn wahrscheinlich kaputtgemacht.
Über den Funkkanal konnte ich hören wie Misato und Asuka
eine Auseinandersetzung wegen der Mission hatten. Misato wollte das Asuka Rei
Rückendeckung gibt, was hinsichtlich ihrer niedrigen Synchro-Rate durchaus Sinn
machte. Asuka aber war davon ganz und gar nicht begeistert. Wie nicht anders zu erwarten setzte sie sich über Misatos
Befehle hinweg und ergriff die Initiative. Ich war ernsthaft besorgt.
Asuka war einfach zu unvorsichtig. Aber wenn ich ihr das sage, würde sie das
wahrscheinlich nur noch wütender machen. Also hielt ich einfach meinen Mund.
Asuka erreichte die Oberfläche und bereitete Einheit-02 für den Angriff auf den
Engel vor. Dann konnte sie nichts mehr anderes tun als zu warten. Für eine
Weile beschwerte sie sich wie langsam dieser Engel doch wäre. Dieser spezieller
Engel hatte sich nämlich dazu entschlossen in einem stationären Orbit über
Tokyo-3 zu bleiben. Dagegen konnte Asuka nicht viel machen. Dann Auf einmal aber fing sie an zu schreien. Sehr
laut zu schreien. Vor Schmerz. Eine Sekunde lange setzte mein Herzschlag aus.
"Nein! Dring nicht in mich ein! Bitte! Nicht! Sie nicht
in meine Seele! Neeeiiin!!!!"
Was zum Teufel? Verflucht nochmal, was war da los? Was
machte dieser Engel mit ihr? Was machte Rei? War sie nicht als Asuka´s
Rückendeckung abgestellt?
"Misato! Was ist da draussen los?"
"Nicht jetzt, Shinji!"
Ihre Stimme hörte sich sehr angespannt an. Das beruhigte
mich nicht im geringsten. Dasselbe galt für ihre nächsten Worte.
"Asuka, komm zurück!"
"Nein!"
Sie hörte sich wirklich an als wenn sie Schmerzen hätte.
Warum befolgte sie nicht Misato´s Befehle?
"Das ist ein Befehl! Asuka, ich habe dir den Befehl zum
Rückzug gegeben!"
"Nein, niemals! Kein Rückzug, lieber sterbe ich
hier!"
"Asuka!"
Sie und ihr verfluchter Stolz! Mir war klar das
es ihr alles bedeutete der Pilot von EVA zu sein... aber war es wirklich wert
dafür zu sterben?
Unverzüglich öffnete ich einen Kanal zu
Einheit-02. Und was ich dann sah ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Die
Zugangskapsel von Einheit-02 schien ihn ein helles Licht getaucht zu sein.
Asuka hatte beide Hände fest an ihren Kopf gepresst. Offensichtlich hatte sie
große Schmerzen.
"Asuka! Bitte, hör auf Misato... Bitte... zieh dich
zurück..."
"Shinji?!"
Asuka hob leicht ihren Kopf, ihre Augen suchten nach dem
Komm-Bildschirm. Ich konnte zwar keine Tränen sehen, sie verschwanden
augenblicklich im LCL, aber ich war mir ganz sicher das sie weinte.
"Asuka... du tust dir nur selber weh... bitte, ich
flehe dich an... zieh dich zurück... ich... ich möchte dich nicht leiden
sehen... bitte..."
"Shinji..."
Sie schien gerade nachgeben zu wollen als sie wieder anfing
zu schreien, ihren Kopf noch fester packte und unbewußt die Knie an ihre Brust
zog. "Neeeiiin! Erinnere mich nicht daran! Ich hatte es vergessen. Hol es
nicht wieder hervor! Ich will mich an so etwas schreckliches nicht mehr
erinnern! Hör auf! Hör bitte auf!"
Ich unterbrach die Verbindung, weil ich es nicht länger
ertragen konnte sie so leiden zu sehen.
"Rei! Beeil dich!" schrie ich als ich einen Kanal
zu Einheit-00 öffnete. Rei schien die derzeitige
Situation ziemlich nervös zu machen. Ich war wahrscheinlich keine große
Hilfe, aber alles woran ich denken konnte war das Asuka Hilfe brauchte. Und
zwar schnell.
Ich sah wie sie den Abzug drückte. Ich hielt den Atem an und
hoffte das es funktionieren würde.
"Keine Wirkung!" hörte ich Shigeru sagen.
"Auf diese Distanz ist die Energie zu schwach, um das AT-Feld zu
zerstören!”
Verflucht! Verflucht nochmal!
"Misato, laß mich mit Einheit-01 rausgehen!"
Ich war verzweifelt. Ich mußte irgendetwas tun!
"Shinji..."
"Nein."
Diese Stimme. Vater.
"Dieser Engel dringt in die Psyche der Piloten
ein," erklärte Vize-Kommandant Fuyutsuki. "Es ist zu
gefährlich."
"Einheit-01 darf nicht von diesem Engel verseucht
werden," fügte der Kommandant hinzu.
Ich gab einen Scheissdreck auf seine Gründe. Einheit-01 hatte in der Vergangenheit schon Wunder vollbracht und Sie würde es wieder tun. Ich hatte
Vertrauen in sie. Sie würde Asuka retten...
"Das ist mir egal! Ich gehe da raus und töte diesen
Engel. Ich werde nicht verlieren!”
"Dafür gibt es keine Garantie."
"Aber, wenn niemand ihn aufhält, wird Asuka..."
"Nein."
Ich wußte das er seine Meinung nicht ändern würde. Dieser
Bastard würde nicht...
Verdammt! Verdammt! Verdammt!
Warum? Warum mußte dieser Mann mein Vater sein? Warum konnte
er nicht etwas mehr wie Kaji sein? Er hätte mich gehen lassen...
Was hätte Kaji an meiner Stelle getan?
Er hätte nicht auf Vater gehört. Er würde alles in seiner
Macht stehende tun um die zu retten die er liebte.
Ich mußte gehen! Ich mußte Asuka retten! Ich mußte es...
Einheit-01 hatte sich bereits zweimal ohne Energie
aktiviert. Aber, wenn das stimmte was man mir erzählt hatte, wäre ich bei
letzten mal fast gestorben...
Aber das war mir egal.
Ich versuchte mich an den Moment zu erinnern als Einheit-01
sich beim Kampf gegen den 14. Engel reaktiviert hatte. Da war irgendetwas...
ein Gefühl... eine Verbindung. Ich spürte Wärme,
bevor es dunkel wurde.
Aber jetzt konnte ich überhaupt nichts fühlen...
Ich konnte immer noch Asuka hören. Sie schluchzte jetzt.
Ihre Stimmer war mittlerweile sehr schwach.
"Er hat sie beschmutzt. Meine Seele... er hat sie
beschmutzt. Shinji... Was soll ich tun? Sie wurde beschmutzt... ich... ich
möchte sterben..."
"Nein!"
Ich bemerkte es nicht, aber ich weinte jetzt selber.
"Asuka! Nein! NEIN!"
Verzweifelt zog ich an EVAs Kontrollen. Aber das Biest
bewegte sich nicht.
"Mutter... bitte... ich brauche deine Hilfe...
Mutter!"
Plötzlich fühlte ich es. Die Verbindung. Ja, sie war da. In Gedanken griff ich nach ihr. Die Wärme. Mein
Geist fühlte sich an als wenn er von purem Licht verschlungen würde.
Einheit-01 aktivierte sich. Ich habe ohne Hilfe der
Kommandozentrale mit EVA synchronisiert und ich war
immer noch da. EVA ist nicht Amok gelaufen, ich bin nicht weggetreten und, als
ich meine Hände ansah, sah ich das ich auch körperlich noch da war. Ich hatte
die volle Kontrolle.
"Shinji! Was zum Teufel machst du da?!" schrie
Misato außer sich.
"Ich gehe nach oben und rette Asuka! Gib Einheit-01
frei oder ich werde mich selber befreien!"
"Nein." Wieder hörte ich die feste Stimme des
Kommandanten. "Du bleibst wo du bist. Rei wird sich um ihre Rettung
kümmern. Rei, geh runter und hol die Lanze."
"Hai."
Ich ballte meine Fäuste. Ich konnte es nicht fassen das er
mich nicht ernst nahm!
"Ich habe gesagt du sollst mich gehen lassen,
Vater!"
"Du würdest nur im Weg stehen. Diese Operation wird
nicht fehlschlagen."
"Verflucht sollst du sein!"
Ich wollte gerade die Halterungen von EVA zerstören, als
Rei´s Komm-Bildschirm erschien.
"Laß mich das erledigen. Vertrau mir."
Ich konnte Entschlossenheit in ihren Augen sehen. Sie wußte
was sie da tat.
Widerwillig ließ ich EVAs Kontrollen los.
"In Ordnung... beeil dich, bitte..."
"Das werde ich."
* * *
Rei tat genau das was sie gesagt hatte. Einheit-00 tauchte
aus dem Boden auf und hielt einen gigantischen roten zweizackigen Speer in der
Hand. Er wurde die Lanze von Longinus genannt, wie ich später erfuhr. Mit aller
Kraft die ihr EVA aufbringen konnte, warf Rei die Lanze. Er riss buchstäblich
ein Loch in den Himmel, dann durch das AT-Feld des Engels und schließlich durch
den Engel selbst. Damit endete es. Asuka´s Alptraum war vorbei. Aber es wurden
tiefe, längst vergessene Wunden wieder aufgerissen und diese schmerzten mehr
als es ein einfacher physischer Angriff je könnte.
* * *
Als ich die Oberfläche erreichte, fand ich Asuka hinter
einem gelben Quarantäneband. Sie saß auf dem Boden, hatte die Beine bis an die
Brust gezogen, die Arme um ihre Beine geschlungen und ihr Kinn auf ihre Knie
gelegt. Sie schaukelte schweigend leicht vor und zurück. Dieser Anblick...
bereitete mir Sorgen. Ich erreichte die Quarantänezone, wagte es aber nicht über die Absperrung zu steigen.
"Ich... ich bin froh das es dir gut geht...
Asuka."
Oh man, warum sagte ich nur so etwas dämliches? Aber
momentan war das alles was mir einfiel. Wahrscheinlich weil es der Wahrheit
entsprach.
"Halts Maul! Wem soll es hier gut gehen? Ich... ich
konnte überhaupt nichts tun... und ich wurde... von IHR gerettet! Gerettet von
Rei, dieser Schlampe! Lieber wäre ich gestorben! Ich hasse... hasse... euch
alle... alles... ich... ich hasse dich..."
Ihre letzten Worte waren kaum lauter als ein Flüstern, bevor
sie zu schluchzen anfing. Ich wußte das sie das was sie gesagt hatte nicht so
meinte; nein, ich hoffte das sie es nicht so gemeint hatte aber mir war es momentan unmöglich ihren Worten irgendeine
Bedeutung beizumessen. Das einzige was zählte war das Asuka verletzt war.
Die Quarantänezone wurde bedeutungslos für mich.
Ich ignorierte die Warnung sich von dort fernzuhalten. Asuka war verletzt.
Nicht körperlich, aber in einer Weise die noch wesentlich schlimmer war. Und
ich war mir nicht sicher ob ich ihr überhaupt helfen konnte. Aber ich mußte es
versuchen.
Sie hörte auf zu schluchzen. Hoffnung keimte in mir auf. Vielleicht würde sie wieder in Ordnung kommen.
Ich sagte ihren Namen als ich sie erreichte.
"Verschwinde."
Sie sagte es zwar, aber es steckte keine
Überzeugung dahinter. Keine Kraft. Nichts. Nur leere Worte.
"Asuka..."
Wieder nichts.
"Asuka!"
Keine Reaktion. Ein Teil von mir geriet in
Panik. Irgendetwas stimmte nicht.
Ich zog an einem von ihren Armen. Ich konnte
keinen Widerstand spüren.
Ich mußte sie hier wegbringen. Sie brauchte
Hilfe. Zur Hölle mit der Quarantäne!
Ich nahm sie in meine Arme, ähnlich wie ich es vor ein paar Monaten nach unserer ersten Verabredung getan hatte. Dann erst bemerkte ich das ihre Augen fast leblos aussahen. Es erinnerte mich an eine kleine Flamme die Gefahr lief von einem Windstoß ausgelöscht zu werden. Wenn ich bis dahin noch keine Angst gehabt hatte, dann hatte ich sie jetzt.
Ich hielt sie fest in meinen Armen und rannte so schnell wie ich konnte zum nächsten Eingang des NERV Hauptquartiers. Ich merkte nicht einmal das ich wesentlich mehr Kraft aufbrachte als ich es von mir jemals erwartet hätte. Ich stoppte abrupt als ich sah wie jemand neben dem Eingang an der Wand lehnte. Das grauhaarige Mädchen.
Ich war wirklich nicht gerade in der besten
Stimmung, also fuhr ich sie an.
"Was willst du von mir?!"
Sie lächelte nur, mit dem ihr ganz eigenen
warmen Lächeln, als sich unsere Blicke trafen.
Der Situation zum Trotz, entspannte ich mich für kurze Zeit, bis ich spürte wie sich Asuka in meinen Armen bewegte. Ich schreckte aus meinem tranceartigen Zustand auf. Dann, ohne ein weiteres Wort, verschwand das Mädchen. Ich fühlte mich ein wenig verwirrt, aber im Moment hatte ich dringendere Probleme. Also rannte ich weiter zur NERV Krankenstation.
* * *
"Shinji. Setz dich endlich hin."
Ich sah Misato überrascht an. Wie lange lief ich
in diesem Korridor schon auf- und ab? Mit einem Finger berührte ich meinen
Kopf. Das LCL war bereits vor einer geraumen Zeit getrocknet. Ich sah
wahrscheinlich wie ein nervöses Wrack aus. Ich setzte mich hin so wie sie es
vorgeschlagen hatte, aber nach ein paar Minuten lief ich schon wieder hin und
her.
Was zum Teufel dauerte da so lange? Mir kam es
vor als wenn bereits Stunden vergangen waren seit Ritsuko in Asukas
Krankenzimmer gegangen war!
Erst als ich plötzlich Schmerzen spürte, merkte
ich das ich mit meiner Faust an die Wand geschlagen hatte. Ich merkte wie mir
jemand seine Hand auf die Schulter legte. Ich drehte mich um und sah Rei dich
mich betroffen anblickte.
"Du wirst noch genug Zeit haben um sie zu sehen. Du solltest gehen und dich umziehen."
Ich dachte über die Idee meinen Plugsuit auszuziehen nach. Die Umkleideräume lagen schließlich ganz in der Nähe der Krankenstation. Ich war schon im Begriff nachzugeben als Ritsuko zur Tür herauskam.
"Wie geht es Asuka?!"
Der Doktor wurde von der Frage überrascht, als
sie kaum den Raum verlassen hatte, aber sie hatte bald ihre Fassung
wiedererlangt.
"Sie ist sowohl körperlich als auch geistig erschöpft. Sie ist unverletzt und die Tests haben keine besorgniserregenden Veränderungen bei ihren Hirnströmen gezeigt. Es gibt auch keine Anzeichen für eine bleibende mentale Verseuchung. Wie auch immer, der Schaden an ihrer Psyche ist bislang noch nicht ersichtlich. Sie war nicht in der Verfassung uns mehr über das zu erzählen was mit ihr passiert war. Wir wissen nur das sie einer Art mentaler Attacke Attacke ausgesetzt war. Ich habe ihr erst einmal genug Beruhigungsmittel gegeben damit sie eine Weile schlafen wird. Ich schlage vor sie mit nach Hause zu nehmen wenn sie aufwacht. Hier können wir nichts mehr für sie tun. Ich empfehle auch sich mit einem Psychiater von NERV wegen zukünftiger Behandlungen in Verbindung zu setzen."
"Ich verstehe," sagte Misato.
Psychiater. Behandlung. Diese Worte ließen
Alarmglocken in meinem Kopf läuten.
"Warum?! Warum sollte sie einen Psychiater
brauchen?!"
"Weil ich glaube das sie gezwungen wurde
sich selbst und ihrer Vergangenheit zu stellen... und verloren hat,"
antwortete der Doktor mit einem Anflug von Trauer in der Stimme, bevor sie
ging.
Ihre Vergangenheit. Ich erinnerte mich an
Asuka´s Worte.
'Neeeiiin! Erinnere mich nicht daran!
Ich hatte es vergessen. Hol es nicht wieder hervor! Ich will mich an so etwas
schreckliches nicht mehr erinnern! Hör auf! Hör bitte auf!'
Was war mit ihr geschehen? Was war so schrecklich an ihrer
Vergangenheit das die Erinnerung daran sie so sehr leiden ließ?
Erinnerungen überkamen mich. Ich erinnerte mich an Vater,
wie er mich verlassen hatte. Aber es hat mir niemals so viel Schmerz bereitet.
Was war es? Was konnte so furchtbar sein das sie fast daran zerbrochen wäre?
Misato schien meine Frage zu ahnen bevor ich sie stellen
konnte.
"Es ist nicht meine Aufgabe es dir zu sagen,
Shinji-kun. Sie sollte diejenige sein die es dir sagt."
Wahrscheinlich um weiteren Fragen auszuweichen, folgte
Misato Ritsuko. Ein Teil von mir ärgerte sich über sie weil sie mich einfach so
stehen ließ. Machte sie sich denn überhaupt keine Sorgen um Asuka? Doch, sie
tat es. Ich wußte das sie es tat. Aber seitdem das mit Kaji geschehen war...
war sie nicht mehr sie selbst. Sie mußte wahrscheinlich immer noch gegen ihre
eigenen Geister ankämpfen.
Ich und Vater.
Misato und ihr Vater. Und jetzt auch noch Kaji.
Offensichtlich hatte auch Asuka eine Vergangenheit an die
sie sich nicht erinnern wollte.
Was war mit Rei? Wurde sie von ähnlichen Schatten verfolgt?
War das der Fluch von EVA? War es uns nicht vergönnt
glücklich zu sein?
"Du solltest dich jetzt umziehen. Ich werde hierbleiben
bis du zurückkommst."
Ich sah Rei an. Zum allerersten
Mal wurde mir klar das es hart für sie sein mußte zu sehen das ich mir solch große
Sorgen um ihre Rivalin machte.
"Danke, Rei. Es... es tut mir leid das ich dir das
aufdränge."
Sie lächelte.
"Mach dir keine Sorgen darüber. Ich verstehe das. Sie
ist auch meine Freundin."
Ich konnte trotz allem einen Hauch von Traurigkeit in ihrer
Stimme spüren. Es tat mir wirklich leid deswegen. Aber zu solch einem
Zeitpunkt, konnte ich nicht wirklich an sie denken wenn ich wußte das Asuka litt.
* * *
"Es war kein Traum."
Das waren die ersten Worte die Asuka sagte als sie aufwachte. Sie sah so friedlich aus als sie schlief, das ich schon gehofft hatte sie wäre in Ordnung wenn sie wieder aufwacht. Meine Hoffnungen schwanden als Furcht und Verwirrung bei ihr verblassten, und durch einen leeren Gesichtsausdruck ersetzt wurden. Für ein paar Sekunden, starrten mich diese Augen an und in diesem kurzen Moment, da bin ich mir ziemlich sicher, sah ich ein wenig Leben in diese Augen zurückkehren. Aber es verschwand rasch wieder und bald starrte sie nur noch an die Zimmerdecke.
Ich wollte etwas sagen... aber ich wußte nicht
was.
"Warum bist du hier?" fragte sie, und
nahm damit etwas von dem Gewicht das auf meinen Schultern lastete von mir.
Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht mich dabei
anzusehen. Aber das war mir egal, ich war einfach nur froh ihre Stimme zu
hören, auch wenn sie fast monoton klang.
"Ich... ich... ich habe mir Sorgen
gemacht... um dich... du hast mich erschreckt..."
"Du hast dir Sorgen gemacht..."
Sie drehte ihren Kopf und sah mich an. Ich saß
auf einer Seite des Betts, so das es sie keine große Anstrengung kostete.
Ich verspürte beinahe das Verlangen davonzulaufen als ich das wütende Glitzern in ihren Augen sah.
"Du hast dir Sorgen gemacht... Sorgen...
warum bist du dann nicht gekommen?! Warum hast du nicht den Tag gerettet so wie
du es sonst immer tust?! Warum hast du zugelassen das SIE mich rettet?!!!"
"Sie... sie wollten mich nicht gehen
lassen..."
"Oh... also bin ich nicht mehr gut genug
für dich, ist es das?! Sohryu ist jetzt nutzlos geworden, also haben sie die
Streberin geschickt um die Arbeit zu erledigen zu der sie nicht mehr fähig ist,
ist es das?!"
"Nein, Asuka, so ist es nicht..."
"Halts Maul!"
Sie versuchte aufzustehen, wahrscheinlich um
mich zu schlagen, aber da sie gleich wieder auf ihr Bett sank stand sie wohl
immer noch unter der Wirkung der Beruhigungsmittel die Doktor Akagi ihr gegeben
hatte. Trotzdem mühte sich sich weiter damit ab aufzustehen.
"Asuka..."
"Halts Maul! Halts Maul! Halts Maul! Ich
will dir nicht zuhören! Ich pfeife auf dein Mitleid! Ist dir denn nicht klar
das ich lieber gestorben wäre als von ihr gerettet zu werden! Es wäre in
Ordnung gewesen wenn du es gewesen wärst...
alle erwarten doch das du gewinnst... du bist
das wirkliche Wunderkind hier... nicht sie!!! Jetzt wissen alle das ich ein
totaler Versager bin..."
Sie gab die Versuche aufzustehen auf. Ihr Zorn
verschwand und wurde von Tränen ersetzt. Tränen die sie versuchte zu unterdrücken
es aber nicht schaffte.
"Wie tief sind die Mächtigen doch gesunken.
Schau mich an... Ich weine... ich hasse es zu weinen... nur schwache Menschen
weinen. Ich hasse die Streberin... sie hat allen gezeigt wie erbärmlich ich
doch bin. Ich hasse dich... du hast mich zum Weinen gebracht und jetzt kannst
du sehen wie ekelhaft ich bin. Ich hasse alle... aber am meisten... hasse ich
mich selbst..."
"Asuka... du bist nicht schwach. Es ist völlig normal zu weinen. Alle weinen. Wenn du es nicht tust, wird dich dein Schmerz innerlich auffressen. Und wenn das nicht der Fall ist, wirst du vielleicht so werden wie Rei es vor ein paar Monaten noch war, völlig emotionslos. Es ist also in Ordnung zu weinen Asuka..."
"Du hast recht... warum sollte es mich
kümmern. Es ist mir egal. Mir ist alles egal. Mir ist nichts geblieben. Was
auch immer mir noch an Stolz geblieben war ist jetzt verschwunden. Mir ist klar
das sie mich so bald wie möglich ersetzen werden. Ohne EVA, bin ich ein Nichts.
Ich hätte sterben sollen..."
"NEIN!"
Ich konnte das nicht mehr länger mit anhören.
Ich konnte es einfach nicht. Ich stand auf, packte sie an ihren Schultern,
drückte sie auf das Bett, lehnte mich über sie und zwang sie mich mit ihren
tränenfeuchten Augen anzusehen. Meine Reaktion überraschte sie. Ich glaube das
ich sie sogar ein wenig erschreckt hatte.
"SAG DAS NIE WIEDER! Sag nicht das du
hättest sterben sollen! Und sag nicht das du sonst nichts mehr hast! Das ist
nicht WAHR!"
Für einen Moment weiteten sich ihre Augen
geschockt, bevor ihre Augen wieder diesen Ausdruck von Selbsthass zeigten.
"Ach ja...? Sag mir was mir noch bleibt
wenn ich EVA nicht mehr steuern kann? Sag mir warum sich irgendjemand noch
einen Dreck um mich scheren sollte... niemand tut das..."
"Das ist nicht wahr! Du hast Freunde die
für dich da sind! Misato ist für dich da! Hikari ist für dich da! Rei... und
ich ebenfalls... und... und... was ist mit deiner Familie? Mit Sicherheit sind
sie für dich da! Vor nicht all zu langer Zeit hat dich deine Mutter aus
Deutschland angerufen!"
Wahrscheinlich hätte ich das besser nicht sagen
sollen, da ihr Gesichtausdruck daraufhin noch düsterer wurde.
"Das war nur meine Stiefmutter," erwiderte sie. "Papa bin ich egal, er ruft nie an. Und Mama..." Ein kurzes Zucken zeigte sich auf ihren Gesichtszügen. "Mama ist tot."
Autsch. OK Shinji... das nächste mal holst du
erst alle Fakten ein bevor du deine große Klappe aufmachst.
Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
'Papa bin ich egal, er ruft nie an. Und Mama... Mama ist tot.'
Mein Gott! Genau wie... genau wie bei mir...
"Das macht nichts..." flüsterte ich
nahezu. "Das macht nichts! Wir sind hier! Und wir sind für dich da!"
"Warum solltet ihr? Ich kann EVA nicht mehr
steuern..."
"Na und?! Es gibt mehr im Leben als nur
EVA! Du... du... du bist wunderschön. Du bist intelligent! Ich meine, du hast
an der Universität studiert... und wenn du willst kannst du wirklich nett
sein!"
"Ist das alles? Ist das alles was von
Sohryu Asuka Langley noch geblieben ist?"
Ich wünschte mir ich hätte mehr sagen können,
aber mein Gehirn weigerte sich einwandfrei zu funktionieren.
"Es ist... es ist mehr als ich von mir
sagen kann..."
"Du brauchst auch nicht mehr! Du bist Shinji der Held! Du bist der Pilot von Einheit-01, NERVs wertvollstem EVA!"
"Wenn kümmert es schon ob ich EVA steuern
kann?!"
"Mich kümmert es!"
"Nun, mich aber nicht! Es ist mir egal! Es
ist mir egal wenn du diese gottverdammten Dinger nicht mehr steuern kannst! Ich
liebe dich um deiner selbst willen, und nicht weil du ein EVA Pilot
bist!!!"
Diese Worte machten uns beide sprachlos. Ich
konnte nicht glauben das ich das gerade gesagt hatte. Sicher, ich hatte jedes
einzelne Wort davon ernst gemeint, aber ich hatte nicht erwartet ihr es so zu sagen.
Als Asuka diese Worte verinnerlicht hatte,
wurden ihre Augen größer und größer. Ich spürte wie ich unter ihrem Blick
knallrot anlief.
"Du... du...?"
Dann verfinsterte sich ihr Gesichtsausdruck.
"Nein... du versuchst nur nett zu sein. Es
ist nur dein verfluchtes Mitleid..."
Irgendetwas hakte bei mir aus. Ich bin mir nicht
sicher warum. Vielleicht weil sie meine Gefühle auf diese Weise anzweifelte,
oder vielleicht weil ich ihr Verhalten einfach nicht mehr länger ertragen
konnte.
"Verflucht nochmal Asuka! Bist du taub?! Ich liebe
dich! ICH! LIEBE! DICH! Ist das so schwer zu verstehen?! Ist es so schwer das
zu glauben?! Ich liebe dich! Ich hätte mich schon lange für Rei entschieden
wenn ich dich nicht lieben würde!"
Erneut sah sie mich mit einem vollkommen
ungläubigen Blick an.
"Du...? Du liebst mich?"
"JA! Also hör auf mit diesem Mist das du
wertlos wärst! Das ist nicht wahr! Du bedeutest mir viel! Sehr viel! Du
bedeutest mir mehr als mein eigenen Leben!"
Die Tränen kamen wieder zurück. Aber dieses Mal
mit voller Kraft. Es war als wenn ein Damm in ihr gebrochen wäre; als wenn all
die Tränen die sie in der Vergangenheit unterdrückt hatte hier und jetzt aus
ihr hervorbrachen. Dieser traurige Blick auf ihrem Gesicht. Er ließ mich
ebenfalls weinen.
"Shin... Shinji..."
Ihre Lippen wie auch ihr restlicher Körper
fingen an zu zittern.
"Shinji!"
Plötzlich wurde ich von einem weinenden Mädchen so fest umarmt als wenn ihr Leben davon abhängen würde. Ich erwiderte ihre Umarmung, und fühlte mich mit einem Mal merkwürdig stark als meine Arme ihren zitternden, zerbrechlichen Körper umschlossen. Ihr Gesicht lag auf meiner Brust und ihre Tränen durchnässten mein Hemd. "Schon in Ordnung Asuka... laß alles heraus... laß all die Tränen heraus... ist schon in Ordnung... ich bin bei dir."
Ich spürte wie sie ihre Umarmung verstärkte. Ich
hatte einen Arm um sie geschlungen und streichelte mit meiner freien Hand ihr
Haar. Asuka hatte noch nicht die Möglichkeit gehabt sich zu waschen und durch
das mittlerweile getrocknete LCL war ihr Haar völlig zerzaust. Aber das war mir
egal.
Wir saßen lange Zeit einfach nur so da und Asuka
weinte die ganze Zeit. Wahrscheinlich hätte sie sich selbst in den Schlaf
geweint. Ich werde es nie wissen da wir plötzlich gestört wurden.
"Shinji. Hier ist die Kleidung von
Asuka..."
Die Worte blieben Rei im Hals stecken als sie uns anstarrte. Sie stand wie erstarrt in der Tür, mit einer Hand hielt sie eine Tasche und mit der anderen den Türknauf.
Erst als die Bettdecke runter auf Asuka´s Taille rutschte, merkte ich das ihr Oberkörper völlig nackt war.
"R... Rei... Es... es ist nicht das was du
denkst..."
Zu meiner Überraschung befreite Asuka sich aus
meiner Umarmung. Außerdem bemerkte ich das sie aufgehört hatte zu weinen. Als
sie sich von meinem Arm befreit hatte sah sie Rei an. Ich sah den nur all zu
bekannten hasserfüllten Blick in ihren Augen.
"Bist du gekommen um mich an mein Versagen
zu erinnern? Bist du gekommen um deinen Triumph über mich zu feiern? Nun gut,
ich will dein Gesicht nicht sehen! Verschwinde! Verschwinde, verschwinde,
VERSCHWINDE! Ich hasse dich Streberin! ICH HASSE DICH!"
Noch vor ein paar Monaten hätte sich Rei nicht
im geringsten um Asuka´s Worte geschert. Aber jetzt... Rei hatte nur drei
Freunde. Hotaru, Asuka und mich. Nur drei Menschen die sich wirklich um sie
kümmerten. Möglicherweise vier, wenn man Misato dazuzählte. Ich war mir also
sicher das diese Worte weh taten. Die Tasche die sie eben noch gehalten hatte
fiel auf den Boden und sie rannte aus dem Zimmer.
"Rei!"
Mit einem Mal vergaß ich Asuka völlig und rannte
dem blauhaarigen Mädchen hinterher. Glücklicherweise war sie nicht allzu weit
gelaufen. Ich fand sie wie sie gegen eine Wand lehnte, Tränen rannen an ihrem
hübschen Gesicht herunter.
"Rei..."
Als sie nichts sagte, kam ich näher und berührte
sie an der Schulter.
"Sie ist jetzt noch ziemlich aufgebracht.
Sie hat es nicht so gemeint."
"Ich weiß. Ich... ich kann die Tränen nicht
zurückhalten... diese Worte schmerzen... Ich weiß das sie es nicht so gemeint
hat, aber die Worte schmerzen trotzdem..."
Ich verstärkte meinen Griff an ihrer Schulter. Nicht
genug um ihr weh zu tun, aber genug um sie wissen zu lassen das ich für sie da
war.
"Ist schon in Ordnung Rei."
Sie sah mich an und lächelte. Es war nur ein
schwaches Lächeln, aber nichtsdestotrotz ein Lächeln.
"Sie wird wahrscheinlich nur etwas Zeit
brauchen um wieder in Ordnung zu kommen. Sie hat eine schreckliche Erfahrung
gemacht."
Ich nickte. Ich hatte mir selbst schon gedacht
das Asuka für längere Zeit nicht mehr ganz sie selbst sein würde.
"Für den Moment ist es wohl das Beste wenn
ich bei Misato wohne während du bei ihr bleibst."
"Rei...!"
Sie war bereit mich zusammen mit Asuka wohnen zu
lassen. Allein in der selben Wohnung...
"Bist du dir sicher?"
"Ja. Asuka ist meine Freundin. Sie braucht
Hilfe. Und ich glaube das du der einzige bist der ihr helfen kann."
Ihre Worte klangen überzeugend, aber mir entging
nicht der besorgte Blick auf ihrem Gesicht.
"Aber... die Abmachung die du mit ihr
getroffen hast...
"Das ist jetzt nicht mehr wichtig.
Shinji... erinnere dich daran als du vor ein paar Wochen zu mir kamst um mit
mir zusammenzuleben. Man hatte dich verletzt, du hast Hilfe und Trost benötigt.
Jetzt bist du an der Reihe ihr Trost zu spenden. Shinji... du mußt alles in
deiner Macht stehende tun um Asuka zu zeigen das da jemand ist der sich um sie kümmert,
das es einen Grund zum Leben gibt. Tu was du tun mußt."
Diese Traurigkeit auf ihrem Gesicht...
"Rei..."
"Ich gehe jetzt und packe ein paar von
meinen Habseligkeiten und bringe sie dann in die Wohnung des Major´s. Auf diese
Weise wird alles erledigt sein wenn du und Asuka eintreffen werdet. Als sie das
gesagt hatte, ging sie.
Es war ihre Idee, ihr Vorschlag. Warum fühlte
ich mich dann plötzlich so als wenn ich sie betrügen würde?
* * *
Als ich Asuka´s Zimmer betrat war sie gerade fertig mit anziehen. Sie trug ihre Schuluniform, da sie nicht die Zeit gehabt hatte sich zwischen den Tests bei NERV und des folgenden Engelangriffs umzuziehen. Sie trug ihre Schuluniform weil sie vor den Tests bei Nerv und dem darauf folgenden Angriff des Engels keine Zeit gehabt hatte sich umzuziehen. Für einen Moment geriet ich in Panik, wahrscheinlich weil ich mich überfürsorglich fühlte.
"Asuka! Du solltest im Bett bleiben!"
"Mir geht es gut."
Ihre Stimme klang zwar nicht gänzlich monoton, aber beinahe. Es machte mich ein wenig besorgt, aber als sie mich ansah, wurde mir klar das sie nicht wieder in den Zustand verfiel in dem ich sie nach dem Angriff gefunden hatte. Sie versuchte höchstwahrscheinlich so viel Kontrolle wie nur möglich über sich selbst wiederzuerlangen. Wie auch immer, es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit bis sie von ihren Emotionen wieder überwältigt wurde. Schmerz neigte dazu das zu tun. Es verschwand nicht einfach von selbst.
"Bist du dir sicher das es dir gut
geht?"
"Ja, das bin ich."
Für einen Moment betrachtete sie die Schleife
ihrer Uniform bevor Sie diese in ihre Tasche schob.
"Lass uns gehen."
Ich glaube es gab keine Möglichkeit sie zum
Bleiben zu überreden, und Doktor Akagi hatte gesagt das es nichts mehr gab was
man hier noch tun könnte. Also versuchte ich erst gar nicht zu widersprechen
und folgte ihr als sie einfach an mir vorbei ging und das Zimmer verließ.
Anfangs waren die Krankenschwestern scheinbar nicht gewillt Asuka einfach so gehen zu lassen. Die Art und Weise wie sie reagierten ließ vermuten das Asuka und das Personal der Krankenstation wohl ein paar Differenzen während der letzten paar Monate gehabt hatten. Es war keine besonders große Überraschung, immerhin war Asuka nicht gerade der geduldigste Mensch, und von dem was ich im Laufe der Zeit über sie erfahren hatte, schien sie Krankenhäuser noch mehr zu hassen als ich es tat.
Wie auch immer, die Schwestern beruhigten sich
schnell wieder als sie bemerkten das Asuka überhaupt nicht reagierte. Vielmehr
glaubte ich das einige von ihnen sogar besorgt aussahen. Nach einer letzten
Überprüfung von Doktor Akagi ließen sie Asuka schließlich gehen. Wie sie mir
schon vorhin gesagt hatte, gab es keinen Grund sie noch länger dort zu
behalten?
Ich war überrascht das es bereits früh am Morgen
war. Mir war nicht bewußt gewesen das wir so viel Zeit auf der Krankenstation
verbracht hatten.
Der Heimweg war ereignislos. Asuka sagte kein einziges Wort. Ein paarmal versuchte ich etwas zu sagen um ein Gespräch zu beginnen, aber irgendwie fiel mir nichts ein über das man reden konnte. Also schwiegen wir beide, aber aus unterschiedlichen Gründen.
Als wir Asuka´s Wohnung erreichten, schien sie
überrascht zu sein das ich auf sie wartete um ihr die Tür zu öffnen. Aber das
hielt nicht lange an. Sie störte sich nicht daran als ich ihr folgte. Erst als
wir drinnen waren nahm sie meine Anwesenheit war.
"Warum bist du hier?"
Das war in der Tat eine gute Frage. Warum war
ich hier? Um ihr zu helfen und sie zu trösten, so wie Rei gesagt hatte. Konnte
ich das wirklich tun?
Ich wünschte mir das Kaji immer noch am Leben
wäre. Auch wenn ich jetzt meine eigenen Entscheidungen traf, war es immer ein
beruhigender Gedanke gewesen das er da war für den Fall das die Dinge schief
liefen. Ich wusste das ich mir jederzeit bei ihm Rat hätte holen können. Damit
war es nun vorbei...
'Denke selber nach und triff deine eigenen Entscheidungen.'
Das war der letzte Ratschlag den er mir geben konnte.
Das galt nicht nur für EVA, sondern für das Leben selbst, so
wurde mir klar. Ich musste stark sein, meinen eigenen Weg gehen, Entscheidungen
treffen und meiner Selbst sicher sein, egal was
passieren würde. "Mir zu Liebe, und was noch wichtiger war, denen zu
Liebe, die mir etwas bedeuteten." Aber das war wirklich nicht einfach!
Ich vermisste Kaji sehr...
“Ich werde für eine Weile mit dir hier wohnen.”
Sie funkelte mich an. Endlich zeigte sich mal wieder eine Gefühlsregung in ihrem Gesicht.
“Um mich zu überwachen? Um sicherzustellen das ich nicht irgendeine Dummheit mache? Ist es so?”
“Nein... ja... Ich... ich mache mir einfach nur
Sorgen. Ich... ich möchte dich nicht allein lassen. Ich sorge mich um dich...
und ich will das du das weißt. Wenn du irgendetwas brauchst... mit jemanden
reden willst... dann werde ich für dich da sein.”
Für einen Augenblick entspannten sich ihre Gesichtszüge, bevor sie mich mit einem verärgerten Blick ansah.
“Das ist nett von dir, aber ich brauche keinen
Babysitter!”
Mir war klar das es nichts bringen würde wenn
ich versuchte sie umzustimmen. Wenn ich versuchte mich ihr aufzudrängen würde
ich ihr damit wohl nur auf die Nerven gehen. Trotzdem, ich konnte es ja immer
noch mit einer etwas mehr subtilen Methode versuchen, und ihr damit Zeit zum
Nachdenken geben...
“Laß mich dir zumindest etwas zu Essen machen,
während du ein Bad nimmst. Du musst doch genauso hungrig sein wie ich. Und ein
Bad wäre jetzt doch genau das richtige, oder nicht? Ich bin mir sicher das du
die letzten Reste von LCL gerne loswerden möchtest...”
Sie hob eine Hand zu ihrer Nase. Ein angeekelter Blick erschien auf ihrem Gesicht als sie plötzlich merkte das sie am ganzen Körper nach LCL roch. Für eine Sekunde sah es so aus als ob sie diese Auseinandersetzung weiter führen wolle, gab dann aber nach indem sie mich schwach anlächelte.
“Danke, Shinji...”
Dann ging sie ins Badezimmer.
* * *
Wir aßen schweigend. Asuka sah bereits wesentlich entspannter und erfrischter aus, aber sie war noch nicht sonderlich gesprächig. Ich sah das Mädchen, wie es vor mir saß und einfach nur ihren Teller anstarrte an. Ihr feuchtes Haar bedeckte einen Teil ihres Gesichts und sie aß ziemlich lustlos, wohl nur um etwas gegen ihren Hunger zu tun und ihren Magen zu beruhigen. Ich machte mir langsam richtig Sorgen. Wenn das so weiterging, würde sie möglicherweise in tiefe Depressionen verfallen, die Art die ich in der Vergangenheit hatte. Das erstemal holten mich Kensuke, Touji und Misato da raus, bevor ich darüber nachdenken konnte irgendetwas dummes zu tun. Beim zweitenmal, half mir Rei dabei. Beim drittenmal, benötigte es Kaji´s Rat. Die Mädchen hätten vielleicht nicht überlebt wenn ich nicht auf ihn gehört hätte. War ich wirklich dazu in der Lage Asuka zu helfen? Und wie konnte ich ihr helfen? Dieses Ding... der Engel... wenn ich es richtig verstanden hatte...und nach Asukas Schreien, die ich gehört hatte... war es in ihren Geist eingedrungen. Auf eine Art und Weise hatte er sie... vergewaltigt.
Und ich konnte ihr nicht helfen. Ich konnte sie
nicht beschützen. Rei hat sie gerettet, aber da war es bereits zu spät.
Ein Teil von mir gab sich dafür die Schuld. Aber ich hatte aus dem was Touji mir gesagt hatte meine Lektion gelernt. Es waren die Engel. Es war ihre Schuld. Das war das letzte Mal das jemand den ich liebte von ihnen verletzt wurde. Das schwor ich mir selbst.
“Sie wird nicht kommen, nicht wahr?” fragte
Asuka, als sie ihre Stäbchen auf den Tisch legte und ihren Kopf hob um mich
anzusehen.
“Wen... wen meinst du?”
“Rei.”
Oh... sie war also soweit darüber zu reden.
“Nein. Sie glaubt das es keine besonders gute
Idee wäre, nachdem du in der Krankenstation so reagiert hast.”
“Verstehe.”
“Deine Worte haben sie verletzt.”
Für einen kurzen Augenblick, zeigte sie einen
schockierten Gesichtsausdruck.
“Oh...”
“Sie hat sich große Sorgen um dich gemacht, Asuka. Sie war
zusammen mit mir auf der Krankenstation als wir darauf gewartet haben das du
wieder zu Bewusstsein kommst. Sie hatte sich ebenso große Sorgen wie ich
gemacht. Und du weißt ganz genau das es nie ihre Absicht war dich zu
übertreffen.
Sie hatte nur ein Ziel: dein Leben zu retten. Wir sind Freunde und Teamkameraden... wir müssen gegenseitig auf uns aufpassen...”
Beschämt neigte sie ihren Kopf.
“Ich habe verstanden... Mir gefällt es
vielleicht nicht, aber ich habe verstanden. In dem Moment als ich sie gesehen
habe... wurde mir erst richtig bewusst das ich versagt habe... und selbst wenn
es nicht ihre Schuld war... erinnert sie mich doch an mein Versagen...”“Aber du
hast nicht versagt! Es gab nichts was du hättest tun können!”
“Ich würde das gerne glauben...”
Ich wußte nicht was ich noch sagen sollte. Sie hörte zwar zu, aber meine Worte schienen sie nicht zu erreichen. Warum konnte sie einfach nicht verstehen das EVA nicht so wichtig war?
Vielleicht lag es an dem was sie einen Tag zuvor
noch gesagt hatte. Sie hatte ihr ganzes Leben lang trainiert um EVA zu steuern.
Es war ihr Lebensinhalt. Was blieb ihr dann noch ohne EVA?
“Ich bin müde. Ich möchte mich für eine Weile ausruhen.”
Langsam ging sie auf ihr Zimmer. Bevor sie außer
Sichtweite war, sah sie mich noch einmal an.
“Du kannst ihr sagen das es mir leid tut. Wenn
ich mich in der Lage fühle ihr gegenüberzutreten, werde ich es ihr selbst
sagen.”
Als sie das gesagt hatte, ging sie auf ihr
Zimmer.
Sie hatte ihre Meinung nicht geändert. Es
widerstrebte mir sie allein zu lassen, aber ich wollte mich auch nicht ihrem
Wunsch widersetzen.
Ich hatte den Tisch abgeräumt und das Geschirr
gespült und wollte gerade die Wohnung verlassen... als ich plötzlich ein
Schluchzen hörte. Ich lief auf Asuka´s Zimmer und fand sie zu einem Ball
zusammengekauert auf dem Bett, ihr Gesicht in einem Kissen vergraben. Wenn es
überhaupt noch möglich war, dann weinte sich jetzt noch heftiger als zuvor auf
der Krankenstation. Ihre Tränen schienen kein Ende nehmen zu wollen.
“Schon in Ordnung Asuka, ich bin hier...”
Wie ich es schon zuvor getan hatte, nahm ich sie
zärtlich in meine Arme und ließ sie sich dort ausweinen. Ich flüsterte ihr
tröstende Worte zu bis ich spürte wie ihre Atmung regelmäßiger und ihr
Schluchzen schwächer wurde. Nach einer Weile lag sie einfach nur in meinen Armen
und alles was ich hören konnte war ihr Atmen und ihr Herzschlag. Sie hatte sich
offenbar selbst in den Schlaf geweint.
Vorsichtig um sie nicht aufzuwecken, legte ich sie aus meinen Armen auf ihr Bett.
Für einen Moment sah ich ihr Gesicht das auf dem
Kissen lag an. Sie sah so zerbrechlich aus. So wunderschön. Leise, wich ich von
ihrer Seite und ging zur Tür.
“Geh nicht”, flüsterte sie.
Ich drehte mich um sah wie mich diese beiden
blauen Augen anstarrten. Sie fesselten mich dort wo ich stand.
“Shinji... bitte laß mich nicht allein.”
Dieser verletzte Ausdruck auf ihrem Gesicht,
fast schon am Rande des Zusammenbruchs. Es tat mir in der Seele weh.
“Auch wenn es nur ein einziges mal ist... nur
ein einziges mal... bitte... sei mein... ganz allein mein...”
Jede einzelne Faser meiner Seele schrie danach
ihren Wunsch zu erfüllen. Was auch immer passieren würde, was auch immer die
Konsequenzen wären, kein Schmerz konnte dem gleichen den dieses Mädchen in
genau diesem Augenblick fühlen musste. Ich hatte versucht zu vermeiden mich
selber zu verletzen. Ebenso hatte ich zu vermeiden versucht das irgendjemand
anders verletzt wird. Aber das war nicht möglich. Ich konnte jedoch den Schmerz
den Asuka hier und jetzt fühlte lindern.
Ich musste ihr auf jede Art und Weise helfen die
in meiner Macht lag. Ich musste es.
Weil ich es nicht ertragen konnte sie so zu
sehen...
Ich ging zu ihr hinüber.
“Ich bin für dich da, Asuka-chan...”
Es bedurfte keiner anderen Worte mehr, als ich
sie umarmte.
Als wir für einen flüchtigen, vergänglichen Moment eins wurden verspürte ich keine Reue (gab es für mich nichts zu bereuen). Ich wusste ich hatte sie nicht belogen oder ihr etwas vorgemacht. Es war vielmehr die eine Hälfte der Wahrheit, denn sie war eine der beiden wichtigsten Menschen die es für mich gab. Und alles was ich tun konnte um sie glücklich zu machen konnte einfach nicht falsch sein.
* * *
'Schau mich an! Mama, bitte, hör nicht auf meine Mutter zu
sein!'
'Bitte, komm in den Himmel mit mir...'
'Mama, Mama, bitte, töte mich nicht!'
'Asuka Liebling, bitte komm mit mir...'
'Nein!'
Das Mädchen schreckte aus ihrem Schlaf auf, ihr
Herz schlug so schnell das sie für einen Moment dachte es würde ihr die Brust
zerreisen.
Dann, kamen die Erinnerungen wieder, ebenso die
Tränen, lautlos, aber dennoch gegenwärtig. “Ich... ich hasse es zu weinen,”
dachte das Mädchen als sie sich mehr und mehr dafür zu schämen begann. Doch
dann spürte sie wie sich zwei Arme um sie legten, und wie Lippen sanft ihren
Nacken berührten.
“Es ist alles in Ordnung, Asuka-chan. Es war nur
ein Alptraum. Du bist hier sicher. Ich bin hier.”
Die Stimme war beruhigend, und die zarten Arme des Jungen fühlten sich
merkwürdig stark an. Wie konnte dieser Junge der Ikari Shinji sein den sie kennengelernt hatte als sie das erste
mal nach Japan gekommen war? Wo war dieser schwächliche Junge geblieben, den
sie mit grösstem Vergnügen immer wieder und wieder gedemütigt hatte?
Irgendwann während dieser Zeit, wahrscheinlich als sie wieder mal damit beschäftigt gewesen war sich über dies und das zu beschweren,war aus ihm ein Mann geworden.
Und in dieser Nacht, waren sie eins geworden war
sie eins mit ihm geworden. Sie konnte sich immer noch an den süßen Schmerz
erinnern den sie empfunden hatte als er in sie eingedrungen war, und die
Ekstase die sie durch ihn erfahren hatte.
Sie hatte sich seltsam leer gefühlt als ihre
Körper sich getrennt hatten. Sie fühlte sich immer noch so. Dennoch lächelte
sie. Mit einer Hand strich sie über ihren flachen Bauch. Auch wenn sie jetzt
seinen Körper an ihrem Rücken spüren konnte, war etwas von ihm immer noch in
ihr. Er hatte versucht sich zurückzuziehen, aber sie hatte es nicht zugelassen,
und ihn dazu gezwungen seinen Höhepunkt in ihr zu erleben.
Sie könnte in diesem Moment sogar sein Kind in
sich tragen. Der Zeitpunkt musste ungefähr stimmen. Ihr ganzes Leben lang, war
sie entschlossen gewesen niemals Kinder zu haben. Kinder würden ihrer Karriere
nur im Weg stehen. Aber was noch wichtiger war, sie wollte in dieser Welt
keinem Kind das Leben schenken, nur damit es später genauso litt wie sie wegen
ihrer Eltern hatte leiden müssen.
“Aber wenn er an meiner Seite ist...” dachte
sie.
Die Aussicht darauf erschien ihr nun nicht mehr
so unsymphatisch wie früher.
Tatsächlich steigerte es nur das Verlangen nach
ihm, das stetig in ihr gewachsen war seit dem Moment, wo seine Arme ihren
nackten Körper umschlossen hatten. Sie versuchte diese Gedanken aus ihrem Kopf
zu vertreiben. Er liebte auch immer noch Rei. Das hier war etwas Einmaliges
gewesen. Ein nie wiederkehrender Moment in dem sie einen Traum hatte ausleben
können. Es würde nicht wieder passieren. Zumindest, nicht in nächster Zeit.
Aber was wenn er sich für Rei entschied? Könnte
sie ohne ihn weiterleben? Besonders seit dem sie wußte wie gut sie sich durch
ihn fühlen konnte?
'Wenn er nicht zurückkommt, dann weiß ich nicht was ich tun
soll. Ich weiß nicht wie ich dann noch weiterleben soll. Er ist alles was ich
habe.'
Damals, hatte sie Rei wegen dieser Denkweise einen Dummkopf genannt.
Aber jetzt... verstand sie was Rei damit gemeint
hatte.
“Er ist alles das mir geblieben ist,” wurde ihr klar.
Mit ihm zusamen konnte sie die Vergangenheit
vergessen. Vorwärts gehen. Aber sie konnte ihn auch verlieren. Und wenn das
geschah... würde sie ganz allein sein... nichts würde ihr mehr bleiben. Was
dann? Sie drehte sich herum, und drückte ihn fest an sich, nach Wärme und
Geborgenheit suchend.
“Er ist jetzt hier, Asuka. Vergiß die
Vergangenheit, versuche nicht über die Zukunft nachzudenken, geniesse einfach
den Augenblick...”
Als sie wieder einschlief konnte man Frieden und Erleichterung auf ihrem Gesicht sehen. Dieses Mal warteten nur angenehem Träume auf sie. Träume von einer möglichen Zukunft mit ihm.
(Fortsetzung folgt...)
Nächstes Mal:
Kapitel 10 – Vergiss nie
Omake:
"Sag mir was mir geblieben ist wenn ich EVA
nicht mehr steuern kann, sag mir warum man sich noch einen Dreck um mich
scheren sollte..."
Die Art wie Asuka es gesagt hatte... auch wenn
sie sich ohne EVA völlig wertlos fühlte, wußte ich das ein Teil von ihr verzweifelt
nach einer Antwort auf diese Frage flehte. Ich war mir dabei sicher.
Es gibt mehr im Leben als nur EVA! Du... du...
du bist wunderschön. Du bist intelligent! Ich meine, du hast schließlich an der
Universität studiert... und wenn du willst kannst du wirklich nett sein!"
"Ist das alles? Ist das alles was Sohryu
Asuka Langley noch geblieben ist?"
Ich wünschte mir das ich hätte mehr sagen
können, aber mein Gehirn weigerte sich richtig zu funktionieren.
"Es ist... es ist mehr als ich von mir
selbst behaupten kann..."
"Du brauchst auch nicht mehr! Du bist
Shinji der Held!"
"Wenn kümmert es schon ob ich EVA steuern
kann?!"
"Mich kümmert es!"
"Mich aber nicht! Es ist mir egal! Es ist
mir egal wenn du diese gottverdammten Dinger nicht mehr steuern kannst! Ich
liebe dich um deiner selbst willen, und nicht weil du der Pilot von EVA
bist!!!"
Asuka´s Augen weiteten sich. Vielleicht weil sie
überrascht war. Oder vielleicht auch weil ich sie würgte. Ist das nicht genau
das was man für den Menschen macht den man liebt? (besonders wenn sie der
einzig andere lebende Mensch auf der Welt ist)
Anmerkungen des Autors:
(1)
Ich habe zwar die Charakterisierung aus dem
Manga für Shinji benutzt, der Ablauf der Ereignisse orientiert sich aber am
Anime. Also hat Asuka auch nicht allein gegen den 6. Engel gekämpft.
Es war ziemlich schwer Kapitel 9 zu schreiben.
Diese Situation (Aska die in Shinji´s Armen weint) wurde schon oft beschrieben.
Schlimmer noch: es wurde von Anrew Huang in einer Shinji POV Geschichte
geschildert (für diejenigen die es nicht wissen, Schande über euch, der Titel
der Geschichte lautet "I Mustn´t Run Away"). Es war wirklich SCHWER
nicht genau das gleiche zu wiederholen. Glücklicherweise änderte Andrew die
Handlung ein wenig ab, während ich mehr oder weniger den Originalereignissen
gefolgt bin. Trotzdem mußte ich vorsichtig sein. Also habe ich die Szene bei
der Quarantäneabsperrung kurz gehalten, und mich mehr auf die Nachwirkungen
konzentriert (trotzdem mußte ich noch vorsichtig sein um zu vermeiden auch "In
Other Words" zu kopieren). Eine Unterhaltung mit Rei am Anfang, und eine
mit Asuka halfen der gesamten Geschichte.
Die Worte "Ich bin für dich da" stammen aus der ersten Video Girl Ai OVA. Ich habe diese Serie von dem Moment an geliebt als ich sie das erste mal gesehen habe. Diese Worte am Ende der ersten OVA... hinterliessen einen gewaltigen Eindruck bei mir. Ich bin mir nicht ganz sicher warum... Vielleicht weil ein Teil von mir ein romantischer Narr ist und ich mich manchmal hoffnungslos einsam fühle?
Das Ende? Nun, es wird bestimmt eines geben
(wenn es nicht schon in Kapitel 6 war) früher oder später...