Neon Genesis Evangelion: Meine Liebe gilt...
Kapitel 11 - Der Weg den Engel
nicht zu beschreiten wagen
Geschrieben von Alain Gravel rakna@globetrotter.qc.ca
Assistiert von Sparky Clarkson sparkster@writeme.com
Übersetzt von Markus Steiner markus.steiner@viaginterkom.de
http://www.geocities.com/Tokyo/Teahouse/2236/
Based on
characters created by and copyright GAINAX
Friedlich.
Einige hätten damit wohl das umschrieben was man
mittlerweile den "Tokyo-3 See" nannte. Als sich der Tag dem Ende
zuneigte und die Strahlen der untergehenden Sonne auf dem Wasser des Sees
glitzerten, hätte man ihn sogar beinahe als wunderschön bezeichnen können. Aber
als ich so am Ufer stand und auf den See blickte gingen mir ganz andere Dinge
durch den Kopf.
Einsam und verlassen.
Allein.
Ich war allein.
So wie vor meiner Zeit bei NERV.
Aber es war nicht mehr dasselbe.
Weil ich es jetzt ganz einfach nicht mehr ertragen konnte
einsam zu sein. Ich wollte nicht mehr allein sein. Nicht jetzt, wo ich endlich
wußte was es heißt wirklich zu leben. Aber was blieb mir schon für eine Wahl.
Kensuke, Hikari und Hotaru waren bereits fort, geflüchtet vor der massiven
Zerstörungen in Tokyo-3. Ich kannte Hikari und Hotaru zwar nicht so gut wie
Kensuke, aber trotzalledem wäre ihre Gesellschaft mir jetzt sehr willkommen
gewesen. Aber sie waren fort. Zumindest konnte Hikari Touji in Tokyo-2
besuchen; ich wußte das sich beide sehr vermissten. Und Hotaru würde nicht
sehen müssen was mit Rei geschehen war...
Nein, nicht Rei. Ayanami. Rei war fort. Ich sah das Kreuz in
meiner rechten Hand an und versuchte die in mir aufkommenden Tränen
zurückzuhalten.
Und jetzt hatte mich auch noch Asuka verlassen. Zuletzt war es also ich gewesen der ausgehalten hatte und sie
diejenige die davongelaufen war. Wieder einmal hatte man mich zurückgewiesen
und verlassen. Ich wünschte mir wirklich das ich ihr mehr Beachtung
geschenkt hätte, aber Rei´s Tod hatte mich völlig aus der Bahn geworfen... Es
schien zu dieser Zeit das einzige gewesen zu sein woran ich hatte denken
können. Vielleicht... nein. Es war bereits zu spät. Sie war fort und hatte mir
nur einen Abschiedsbrief hinterlassen. Einen Abschiedsbrief! Warum hat sie mir
das alles nicht selber gesagt anstatt es einfach nur aufzuschreiben? Ich hätte
ihr gesagt das ich nie gewollt habe das sie fortgeht!
Eine Träne rann langsam an meiner Wange hinunter als ich mit
meiner linken Hand die Interfaces die Asuka immer so stolz getragen hatte
umklammerte. Das war alles was mir von ihr geblieben war... nichts weiter als
Schrott.
Misato war nach wie vor da, aber sie erweckte den Eindruck
nicht viel mehr als ein Geist zu sein der immer wieder so schnell verschwand
wie er erschienen war. Die Enthüllungen des Vortages waren nur ein erster Vorgeschmack für sie gewesen. Sie hatte mich
sich selbst überlassen und trieb sich jetzt irgendwo in der Geofront herum,
besessen von dem Gedanken die Geheimnisse der Organisation die Kaji auf dem
Gewissen hatte aufzudecken.
Nicht einmal Pen-Pen konnte ich mehr sehen, nachdem Misato
ihn zu seiner eigenen Sicherheit in die Obhut von Hikari´s Familie gegeben
hatte. Ich konnte ihr deswegen keinen Vorwurf machen,
aber... ich hätte die Gesellschaft gut gebrauchen können. Andererseits hatte
ihn Reis Tod mindestens so hart wie mich getroffen. Vielleicht konnte ihn
Hikari mit ihrem heiteren Wesen wieder ein wenig aufmuntern.
'Aufmuntern.' Wie ironisch das mir ausgerechnet
dieses Wort in den Sinn kam. Rei und Asuka wollten dafür sorgen das ich heute
glücklich bin. Ich hätte heute auch glücklich sein
sollen. Ich erinnerte mich immmer noch an Asukas Worte, ein paar Tage nachdem
man mich aus EVA-01 befreit hatte.
'Du wirst schon sehen Shinji' Dieses Jahr, wirst du den
besten Geburtstag deines ganzen Lebens haben! Rei und ich werden schon dafür
sorgen!'
Es war in der Tat ironisch. Und sie hatten mich gefragt
warum ich diesen Tag hasse...
Ich haßte ihn, weil mir an diesem Tag immer mit aller
Deutlichkeit bewußt wurde wie einsam ich doch wirklich war. Aber diesesmal war
es noch viel schlimmer als zuvor.
Früher war ich immer allein gewesen, aber das hatte mich
damals nicht gekümmert.
Jetz war ich allein und ich haßte es aus tiefstem Herzen.
Und ich hatte Angst. Ich war mir nicht einmal sicher
ob ich den nächsten Tag überhaupt noch erleben wollte.
Was für einen Grund hätte ich den noch dazu? Das was mir in
meinem Leben am meisten bedeutete hat, hatte ich verloren... alles was ich noch
tun konnte war zu hoffen das Asuka zurückkommen würde oder das Ritsuko sich
geirrt hatte und das immer noch etwas von Rei in Ayanami existierte.
'Keine Sorge. Ich werde euch nicht mehr belästigen. Nie
wieder.'
Nein. Asuka hatte nicht die Absicht wieder zurückzukommen.
Und ich bezweifelte das der Kommandant irgendwelche Anstrengungen unternehmen
würde um sie zu finden. Sie konnte EVA nicht mehr steuern und nachdem EVA-00
zerstört war, würde wahrscheinlich Ayanami EVA-02 übernehmen... vorausgesetzt
der Kompatibilitätstest war erfolgreich.
'Wenn sie ihre Erinnerungen an dich behalten hätte, wäre sie
nicht mehr von Nutzen für Ikaris Pläne gewesen. Also hatte mich der Kommandant
angewiesen mich um dieses kleine Problem zu kümmern. Es tut mir leid Shinji.'
Die derzeitige Ayanami erinnerte sich nicht mehr an mich.
Für sie war ich einfach nur das Third Children. All das was ich was ich in den
letzten Monaten zusammen mit Rei erlebt hatte, die Gefühle die wir geteilt
hatten... all das hatte sie vergessen. Als wenn es niemals existiert hätte. Es
war als wenn die Zeit zurückgedreht worden wäre. Ein paar Stunden zuvor, hatte
ich sie in ihrer alten Wohnung besucht, welche, so unglaublich es auch klingen
mag, die Explosion von EVA-00 überstanden hatte. Sie saß auf ihrem Bett und sah
aus dem Fenster. Blutige Verbände lagen überall auf ihrem Bett und dem Boden
verteilt. Als sie mich hörte, drehte sie sich zu mir um und sah mich aus
leblosen roten Augen an. Sie sagte kein Wort, auch nicht als ich ging, weil ich
es nicht mehr ertragen konnte sie auch nur für eine weitere Sekunde anzusehen.
Ich wollte sie nicht sehen, diese Puppe die das selbe Gesicht hatte wie das
Mädchen das ich einmal geliebt habe.
Ich machte mir auch keine Hoffnungen mehr das sich an dieser
Situation noch etwas ändern würde.
'Es stimmt schon, das einzige was wir momentan tun können
ist EVA zu steuern... aber, nun... so lange wir am Leben bleiben... werden wir
eines Tages froh darüber sein das wir überlebt haben.'
Worte dich ich zu Rei gesagt hatte, nachdem sie bei unserer
ersten gemeinsamen Mission fast getötet worden wäre (1). Waren diese Worte
gelogen? Nein. Ich mußte daran glauben das es da noch mehr geben mußte als nur
Hoffnungslosigkeit.
'Ich habe sonst nichts.'
Rei hatte Unrecht. Allein dadurch
das sie existierte hatte sie die Erfahrung von Glück und Freude gemacht, auch
wenn es nur von kurzer Dauer war.
Ich würde den 17. Engel besiegen und weiterleben.
Jedoch schmälerte diese Einsicht den Schmerz den ich empfand
nicht im geringsten...
Weil mir nichts mehr geblieben war.
Ich schreckte aus meinen Überlegungen hoch als ich jemanden
ein Lied summen hörte das ich auf Anhieb erkannte: Beethovens "Ode an die
Freude". Ich schaute nach links und sah dort ein Mädchen auf einem Felsen
der nur ein paar Meter vom Ufer entfernt aus dem See ragte sitzen. Ein mir
wohlbekanntes grauhaariges Mädchen. Sie trug immer noch dasselbe Sommerkleid
und ihre Haare flatterten im Wind.
Mir wurde nicht gleich bewußt das dieses Mädchen vor ein
paar Minuten noch nicht dort gewesen war.
"Du!"
Sie schien mich nicht gehört zu haben, oder vielleicht
ignorierte sie mich einfach nur, da sie noch für eine ganze Minute weiter vor
sich hinsummte bevor sie sich zu mir umdrehte. Fast bedauerte ich schon das sie
es getan hatte, erinnerten mich ihre roten Augen doch an das was ich verloren
hatte.
"Glaubst du nicht das die Musik eine der größten
Errungenschaften der Lilim ist, Ikari Shinji-kun?
Spürst du die Gefühle mit denen sie dein Herz erfüllt? Glaubst du nicht das die Welt ein
besser Ort zum Leben wäre wenn wir mehr Musiker hätten um Herz und Seele zu
erfreuen?"
Ich mußte bei diesen Worten verwirrt blinzeln. Was für ein
seltsames Mädchen...
"Wer bist du? Woher kennst du meinen Namen?"
Sie lächelte mich an. Mit einem herzlichen, freundlichen und
unschuldigen Lächeln.
"Du unterschätzt deine Bedeutung. Es ist nur logisch
das ich dich kenne, da ich so bin wie du, eine der Auserwählten. Ich bin das
Fifth Children."
WAS?!
"Das... das Fifth Children? Du bist... du bist ein
EVA-Pilot?"
Ich konnte es nicht glauben. Noch jemand... noch jemand der
für EVA geopfert werden würde...
Das mußte ein Alptraum sein.
"Ja. Ich wurde ausgewählt um das Second Children zu
ersetzen."
Das Second
Children. Asuka. Sie ersetzen? So schnell? Sie war noch nicht einmal
24 Stunden verschwunden! Wie konnte man sie so schnell ersetzen? Wußte diese
Mädchen vielleicht etwas das ich nicht wußte? Ich wollte sie schon danach
fragen, als mir der Gedanke kam das Asuka bereits seit der Attacke des 15.
Engels aufgehört hatte ein zuverlässiger Pilot zu sein. Genug Zeit für den
Kommandanten um für Ersatz zu sorgen. Wenn dieses Mädchen ein Kandidat war...
"Warum bist du früher noch nie aufgetaucht?"
"Es gab keinen Bedarf für einen zusätzlichen
Piloten."
Das Mädchen wandte sich ab und starrte auf den See hinaus.
"Du hättest es vorgezogen wenn ich anstatt deiner
Freunde verletzt worden wäre, nicht wahr?"
Ich mußte bei diesen Worten tief Luft holen... weil ich
wußte das sie recht hatte. Ich wünschte mir das dieses seltsame Mädchen
anstelle von Touji als Pilot für EVA-03 ausgewählt worden wäre. Ich wünschte
mir sie wäre es gewesen die von dem 15. Engel geistig vergewaltigt worden wäre.
Ich wünschte mir sie wäre diejenige gewesen die anstelle von Rei gestorben
wäre.
Ich fühlte mich plötzlich schrecklich schuldig das ich ihn
so einer selbstsüchtigen Weise dachte. Beschämt sah ich zu Boden.
"Ich... Ich... ja."
Das Mädchen reagiert darauf nicht so wie ich es erwartet
hatte. Sie kicherte. Sie hüpfte dann von dem Stein auf dem sie saß herunter. Es
schien ihr egal zu sein das sie nun im See stand und ihr das Wasser bis zu den
Hüften reichte. Sie ging einfach auf mich zu mit einem fröhlichen Lächeln auf
ihrem Gesicht. Als sie das Ufer erreichte, bemerkte ich das die untere Hälfte
ihres Kleides durch das Wasser durchsichtig geworden war. Ich sah schnell weg
als ich merkte das sie unter ihrem Kleid sonst nichts mehr anhatte. Ich wurde
ziemlich nervös und verlegen als sie auf mich zuging. Ich konnte mich nicht
bewegen als sie sich mir näherte, nur mich zurücklehnen als sie ihren Kopf
vorbeugte, und nur noch wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt war.
"Du solltest öfter rot werden. Das steht dir besser als
dieser finstere Gesichtsausdruck. Ein Lächeln wäre sogar noch besser"
flüsterte sie, bevor sie davon ging.
Ich blieb an Ort und Stelle stehen, unschlüssig was ich
darauf erwidern sollte.
"Für Morgen früh sind Harmonix und
Synchronisationstests angesetzt. Wir werden uns dort wiedersehen."
Tests? Ich wußte nicht das für Morgen Tests angesetzt waren.
Aber andererseits, irgendjemand hatte es mir vielleicht gesagt und ich habe dem
einfach nur keine Aufmerksamkeit geschenkt....
"Äh... ja... sicher... ähm... Nagisa, richtig?"
"Ja, mein Name ist Nagisa Kaoru. Aber du kannst mich
Kaoru nennen, Ikari-kun."
Kaoru... ein Pilot wie ich. Vom Schicksal zu einem Leben
voller Leid bestimmt, mit Sicherheit...
"Das möchte ich lieber nicht, Nagisa."
"Ich verstehe..."
Für einen Moment glaubte ich einen traurigen Zug über ihr
Gesicht huschen zu sehen, aber es verschwand so schnell wie es gekommen war und
sie zeigte wieder ein fröhliches Lächeln.
"Also, dann bis Morgen."
Da sie wohl nicht erwartete das ich ihr antworte drehte sie
sich einfach um und ging davon.
Nagisa Kaoru. Das Fifth Children. Kam es mir nur so vor oder
war sie seit dem 13. Engel immer in meiner Nähe? Hatte sie mich beobachtet? Was
war die Absicht dieses Mädchens? Und warum schienen sich Rei und sie so ähnlich
zu sein, gleichzeitig aber wieder so verschieden?"
* * *
Ich sah mit einem schläfrigen Blick auf meinen Wecker als er
mit einem nervtötenden Piepton zu verstehen gab das es an der Zeit war
aufzustehen. Im Grunde genommen wäre er auch gar nicht nötig gewesen, da ich
heute nacht sowieso keinen Schlaf gefunden hatte; seit meinem letzten Besuch im
Terminal Dogma weigerte sich mein Verstand einfach mal abzuschalten.
Erstaunlich das ich den Wecker überhaupt gehört hatte, da ich den Klängen von
Beethovens Musik gelauscht hatte. Ich hatte das Bedürfnis gehabt mich mit
irgendetwas abzulenken, weswegen ich meinen SDAT Player hervorgeholt hatte. Da
ich keine Lust auf mein übliches SDAT Tape hatte, hörte ich stattdessen die
ganze Nacht Beethoven.
War es weil das Fifth Children ein Stück eines der besten
Komponisten die es je gegeben hatte gesummt hatte?
Das Fifth
Children. Ich würde sie heute wieder sehen. Wie auch das First
Children...
Ich wäre am liebsten gar nicht hingegangen.
Langsam stand ich auf. Ich hatte keine Lust zu baden oder zu
essen, noch mich umzuziehen. Also ging ich einfach wie ich war geradewegs zu
NERV.
* * *
"Shinji-kun! Versuch dich zu konzentrieren! Deine
Synchrorate fällt immer weiter!"
Ich seufzte und versuchte mich zu konzentrieren. Leutnant
Ibuki tat mir leid. Sie schien sich sichtlich unwohl in ihrer neuen Position zu
fühlen. Ich denke das das nur natürlich war. Die Arbeit von Dr. Akagi
übernehmen zu müssen war sicher schwer für sie gewesen. Dr. Akagi. Ich fragte
mich was mit ihr geschehen war. Hatte der Kommandant sich ihrer erledigt jetzt
da er keine Verwendung mehr für sie hatte?
"Meine Synchronrate wird ausreichend sein wenn
nötig," erwiderte ich nachdem ich es aufgegeben hatte meine Synchrorate
verbessern wollen. Wenn die Zeit kommt, dann würde ich den 17. Engel besiegen.
Ich war fest entschlossen dazu. Aber das hier war nur ein Test und ich konnte
nicht verhindern das meine Gedanken abschweiften.
War Ayanami in der Lage mit Asukas Synchronrate
gleichzuziehen?
Ayanami...
War wirklich nichts mehr von Rei in ihr?
Ich mußte es unbedingt herausfinden.
* * *
"Rei."
Ich wußte das meine Chancen gering waren, aber ich mußte es
einfach versuchen. Also stand ich hier und wartete darauf das sie den
Umkleideraum verließ. Ihr Haar war immer noch feucht von der Dusche mit der sie
das restliche LCL von ihrem Körper abgewaschen hatte. Ich hätte diesen Anblick
als angenehm empfunden, wäre da nicht dieser emotionslose Blick in ihren roten
Augen gewesen. Ich haßte diesen Blick.
"Pilot Ikari."
Bei diesen Worten zuckte ich zusammen.
Für ein paar Sekunden stand sie still und sah mich mit ihren
kalten roten Augen an.
Ich bewegte mich auch nicht, als ich fühlte wie mich meine
Entschlossenheit verließ weil mir klar wurde wie aussichtslos das aller war.
"Hast du mich wirklich vergessen, Rei?" Ist das
alles was ich für dich bin? Das Third
Children, Pilot Ikari?"
Für annähernd eine halbe Minute stand Rei so unbeweglich wie
eine Statue da und starrte mich an. Dieser kalte, leblose Blick versetze meinen
Magen in Aufruhr. Ich dachte schon das sie mich einfach wieder ignorieren und
davongehen würde als sie plötzlich antwortete.
"Ich erinnere mich nicht an dich. Sollte ich das?"
Sie hätte mir genausogut einen Tritt in den Magen verpassen
können. Ich hatte diese Antwort erwartet, aber ich hatte diesen winzigen Funken
Hoffnung der immer noch in mir war gewesen war einfach nicht ignorieren können.
Er hatte mir die Kraft gegeben so weit zu kommen, um diese Frage zu stellen.
Aber jetzt war er endgültig erloschen, und ließ nur noch Platz für Verzweiflung
zurück.
"Bitte Rei," flehte ich, "Kannst du dich den
an überhaupt nichts mehr erinnern? Unsere gemeinsamen Missionen, die Zeiten in
denen wir uns gegenseitig das Leben gerettet haben? Als wir zusammengelebt
haben? Kannst du dich den nicht mehr an die Augenblicke erinnern in denen wir
uns geliebt haben?"
Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich es kurz in ihren
Augen aufblitzen zu sehen, aber es verschwand so schnell wieder das ich es mir
wahrscheinlich nur eingebildet hatte.
Als ich das Geflüster hinter uns hörte merkte ich das wir
von einigen Leuten des NERV Personals angestarrt wurden. Ich konnte die
krankhafte Neugier in ihren Augen sehen, den Hunger nach menschlichem Elend.
Verzweiflung machte Wut Platz als ich sie mit einem Blick ansah der hätte töten
können.
"Habt ihr den nichts besseres zu tun als uns
anzustarren!? Dummkopf!" (2)
Wenn man für längere Zeit mit jemandem zusammenlebt, ist es
nicht sonderlich überraschend wenn man hin und wieder ein paar seiner
Angewohnheiten übernimmt. Mir wurde erst ein paar Tage später bewußt wie sehr
ich Asuka in diesem Moment geähnelt haben muß. Nachdem mein Zorn ein wenig
verraucht war, drehte ich mich wieder zu Rei um.
"Sag mir nicht das du dich an nichts mehr davon
erinnerst! Sag mir nicht das du all das was wir miteinander geteilt haben
vergessen hast! Das ist nicht möglich! Du mußt dich doch an irgendetwas
erinnern!"
Das blauhaarige Mädchen starrte mich einfach nur an.
"Nein. Ich erinnere mich an nichts."
Ich wäre beinahe zusammengebrochen. Ich schaffte es nur
durch pure Willenskraft aufrecht stehenzubleiben. Ich wollte nicht
zusammenbrechen wegen diesem... Mädchen. War das der Grund warum Asuka es fast
immer schaffte so stark auszusehen? Nur weil sie einfach nicht schwach wirken
wollte?
"Ich verstehe. Dann ist Rei wirklich tot."
Ich konnte nicht mehr länger in dieses vertraute Gesicht
sehen. Also ließ ich ihre Schultern loß und ging zur Umkleidekabine.
Trotz alledem, ein kleiner Teil von mir hoffte immer noch
verzweifelt das es noch nicht vorbei war. Ich versuchte mir einzureden das dieses
Mädchen noch eine Chance verdiente, das ich versuchen sollte sie zu verstehen,
mich ihr gegenüber zu öffnen und hoffen das sie dasselbe tun würde. Es war die
Hoffnung das dieses Mädchen sich letztenendes in mich verlieben würde, so wie
Rei es getan hatte. Aber dieses Mädchen war nicht Rei. Was Rei einzigartig
gemacht hatte, all ihre Erfahrungen, unsere Erfahrungen, das war alles
verschwunden. Es würde nicht dasselbe sein. Welcher Funke auch immer Rei dazu
veranlaßt hatte sich mir gegenüber zu öffnen, war wahrscheinlich für immer
verloren.
Manchmal ist es wohl besser einfach loszulassen...
"Ikari..."
Hoffnung flackerte in mir auf als ich mich umdrehte, obwohl
mein gesunder Menschenverstand mir sagte das ich sie einfach vergessen sollte.
Meine Hoffnungen wurden schnell wieder zunichte gemacht als ich ihren leeren
Gesichtsausdruck sah.
"... Es tut mir leid."
Diese Worte... hörten sich so hohl an.
Nicht Rei. Das war nicht Rei.
"Meinst du das wirklich? Weißt du überhaupt was diese
Worte bedeuten? Ich glaube es nämlich
nicht."
Man konnte auf ihrem Gesicht sehen das sie ein wenig
überrascht war, aber ich schenkte dem keine Aufmerksamkeit mehr. Es war
endgültig vorbei. Zeit die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in die
Zukunft zu blicken. Wenn es den da eine Zukunft für mich gab.
* * *
Ich lag im warmen Wasser und versuchte den Vorfall von gerad
eben zu vergessen. Eine Dusche wäre dazu nicht genug gewesen, also hatte ich
beschlossen hier bei NERV ein Bad zu nehmen, bevor ich zurück in meine Wohnung
ging. Ich war nicht sonderlich versessen darauf dorthin zurückzugehen. Misato
hatte mir einmal gesagt das es etwas besonderes wäre jemanden zu haben der
Zuhause auf einen wartet.
"Ikari-kun? Ich hatte nicht erwartet dich hier zu
treffen."
Ich wäre beinahe aufgesprungen als ich diese Stimme hörte.
Ich drehte meinen Kopf und sah Nagisa hinter mir, nackt wie Gott sie schuf, mit
einem herzlichen Lächeln auf ihrem Gesicht. Ich verspürte ein Gefühlswirrwar
wie ich es schon lange nicht mehr gehabt hatte: Angst, Überraschung,
Verwirrung, und eine Woge von männlichen Hormonen die meinen Blutdruck in
ungeahnte Höhen schießen liessen, sowohl Verlegenheit als ich bemerkte worauf
sie starrte. Ich denke mal das es nur fair war, da ich ja auch einen guten
Ausblick auf sie gehabt hatte. Ich registrierte das ihre Brüste kleiner als die
von Asuka waren, aber größer als die von Rei. Und grau war ihre natürliche
Haarfarbe.
"Was... was machst du den hier?!" fragte ich sie,
als ich knallrot anlief und mit meinen Händen den Teil meiner Anatomie bedeckte
der seinen eigenen Willen zu haben schien. "Das hier ist das
Männerbad!"
"Oh? Ist es das? Das habe ich nicht gewußt."
Sie stand da und sah mich verwirrt an. Ich versuchte
wegzuschauen, aber ich überraschte mich dabei wie ich ihr immer wieder
heimliche Blicke zuwarf.
"Wir scheinen allein zu sein. Würde es dir etwas
ausmachen wenn ich hierbleibe?"
"Was?! Ich... Ich... Du..."
Da ich nur vor mich hin stammelte, setzte sich das Mädchen
einfach zu meiner linken ins Wasser. Sie machte auch keinerlei Anstalten ihren
Körper zu bedecken. Ein Teil von mir wurde sich bewußt das Rei sich genauso
verhalten hätte.
"Waren du und das First Children wirklich ein
Liebespaar?"
Ich wand mich innerlich. Man
sollte wohl niemals die Gerüchteküche bei NERV unterschätzen. Und da es jetzt wohl auch
nichts mehr brachte es abzustreiten...
"Ja... das waren wir."
"Also seid ihr jetzt kein Liebespaar mehr?"
"Nein."
"Warum?"
Warum mußte sie ausgerechnet danach fragen? Ich wollte nicht
daran denken. Vor allem nicht nach dem was vorhin passiert war.
"Die Dinge... haben sich geändert."
"War es sehr schmerzhaft für dich das diese Beziehung
nun zu Ende ist?"
"Ja..."
"Ist das der Grund warum du mir aus dem Weg
gehst?"
Ich schwieg. Ich wollte nicht darüber reden. Ich hätte
einfach gehen sollen, aber irgendwie hatte ich auch dazu keine Lust.
"Du glaubst also wenn du andere nie besser
kennenlernst, wirst du dich nie wieder verraten fühlen wie schon zuvor. Wenn
sie getötet werden oder fortgehen, dann würdest du keinen Schmerz fühlen."
Es überraschte mich wie sehr diese Worte der Wahrheit
entsprachen.
"Ja."
"Also willst du den Rest deines Lebens alleine
verbringen und alle anderen immer auf Distanz halten?"
Ich... Ich wußte es nicht. Ich
wußte nicht mehr was ich mir noch von diesem Leben erwarten sollte. Hatte ich
es überhaupt jemals gewußt? Wenn es so wäre, dann hätte ich vielleicht eine
Entscheidung treffen können.
"Vielleicht."
"Aber dann wirst du nie dem Gefühl der Trauer und der
Einsamkeit entkommen die dein Herz erfüllen."
Trauer und Einsamkeit...
Plötzlich gingen die Lichter aus. Die Badezeit war vorüber.
Überrascht blinzelte ich. War ich solange hier gewesen?
Mir wäre fast das Herz aus der Brust gesprungen als ich
spürte wie sich eine Hand auf die meinige legte. Sie sah mich an, als wenn sie
mit ihren Augen bis auf den Grund meiner Seele blicken wollte. Ich zog meine
Hand fort und blickte in eine andere Richtung.
"Es ist... es ist Zeit zu gehen."
"Oh? Ist es schon vorbei?"
"Ja."
Langsam stand das Mädchen auf. Ich lief rot an als ich ein
weiteres mal ihren nackten Körper aus nächster Nähe zu sehen bekam. Sie sah
mich erneut an, immer noch lächelnd.
"Wo wirst du hingehen?"
"Nach Hause. Ich weiß sonst nicht wohin ich gehen
soll."
Keine Möglichkeit mehr es noch länger hinauszuschieben.
"Ich habe gehört das du Cello spielst. Darf ich dich
begleiten? Ich würde dich gerne spielen hören. Ich habe gehört das du sehr
begabt sein sollst."
Ich blickte in dieses herzliche Lächeln. Einsamkeit... ich
wollte nicht mehr einsam sein... aber ich wollte auch nicht mehr verletzt
werden...
"Nein. Lass mich einfach nur in Ruhe..."
Das Mädchen ging ohne ein weiters Wort. Ihr war deutlich
anzusehen das sie entäuscht war. Es war ein gewaltiger Unterschied zu ihrem
üblichen fröhlichem Lächeln. Ein Teil von mir fühlte sich deswegen schlecht.
Aber ich versuchte es einfach zu ignorieren.
Ich würde es nicht zulassen das ich noch einmal verletzt
werde...
* * *
"Sehr gut Shinji! Deine Synchro-Rate ist zwanzige
Punkte höher als beim letzten mal! Gut gemacht!"
In der Vergangenheit, mir kam es vor als wenn es schon mehr
1000 Jahre zurückliegen würde, hätte ich mich gefreut das zu hören. Aber dieses
mal nahm ich es nur am Rand war. Es war mir egal. Zwei Tage waren vergangen und
ich überraschte mich selbst dabei das ich immer seltener an Rei und Asuka
dachte. Es tat immer noch weh, ich vermisste sie immer noch und ich konnte
Ayanami´s Gegenwart immer noch nicht für längere Zeit ertragen, aber diese
Gefühle waren nicht mehr so erdrückend. Vielleicht stimmte es ja das die Zeit
Wunden heilen würde. Aber irgendwie fürchtete ich mich vor diesem Gedanken. Es
erschien mir nicht richtig sie einfach so zu vergessen... und weiterzumachen
als wenn nichts gewesen wäre.
Es gab nichts was ich für Rei tun konnte. Aber Asuka war
immer noch am Leben, irgendwo da draussen.
Die Tests waren bald zu ende. Ich wünschte mir das es länger
gedauert hätte. Die Zugangskapsel war ein Ort fern von dieser Welt, wo ich
alles andere vergessen konnte. Irgendwie fühlte ich mich dort... geborgen.
Als sich die Zugangskapsel öffnete, blieb ich dort für eine
volle Minute sitzen. Ich wollte dieses entspannte Gefühl noch für eine Weile
geniessen.
Als ich meine Augen öffnete, sah ich Kaoru wie sie mir eine
Hand entgegenstreckte um mir aus der Kapsel zu helfen. Nachdem ich einen Moment
zögerte, griff ich nach ihrer Hand.
"Du siehst anders aus wenn du in der Zugangskapsel
sitzt. Du strahlst Ruhe und Frieden aus."
"Kann schon sein..."
Das Mädchen lächelte. Als ich sie ansah, merkte ich wie ihr
schwarz-blauer Plugsuit mit ihrer blaßen Haut und ihrem grauen Haar im Kontrast
stand. Mit einem leichten Anflug von Nostalgie bemerkte ich auch wie sehr ihr
Plugsuit dem von Asuka ähnelte. Das war wohl der Standard Plugsuit für die
weiblichen Piloten, glaubte ich (3). Irgendwie wünschte ich mir das Asukas
Plugsuit ein Einzelmodell gewesen wäre. Es erschien mir nicht angemessen jemand
anderen einen ähnlichen Plugsuit tragen zu sehen.
"Wenn du dich umgezogen hast, wirst du dann gleich nach
Hause gehen, oder noch etwas in der Kantine essen?"
Kein Zweifel, wenn ich dort zum Essen ging, würde sie sich
mit Sicherheit mir anschließen wollen. Aber wenn ich zu Hause essen wollte,
würde ich einige Zeit brauchen bis zu unserer Wohnung und dann das Essen
zubereiten. Ich würde eine Menge Zeit verlieren und ich war auch nicht gerade
in der Stimmung um zu kochen. Das Kantinenessen wäre am Ende wahrscheinlich
auch besser als irgendein Fertiggericht. Und wenn erst einmal ein paar Monaten
mit Misato unter einem Dach gelebt hat, kann man alles essen.
"Die Kantine."
Sie sagte zwar kein Wort, aber ich könnte deutlich spüren
wie sie sich über diese Neuigkeit freute. Ihr Lächeln wurde ein wenig breiter.
Ich seufzte.
"Fühl dich frei mich zu begleiten."
Mit diesen Worten verließ ich den Umkleideraum. Ich wollte
nicht in ihr strahlendes Gesicht sehen. Denn wenn ich es tat, würde ich mich
dadurch wahrscheinlich besser fühlen...
* * *
Ich blieb lange unter der Dusche und genoß die entspannende
Wirkung die das Wasser auf mich hatte. Ich hätte zwar ein Bad vorgezogen, aber
ich wollte keine weitere Begegnung mit einer nackten Kaoru riskieren.
Kaoru... ich fragte mich was in dem Kopf dieses Mädchens
eigentlich vor sich ging. Ganz egal wie vehement ich auch versuchte sie auf
Distanz zu halten, kam sie immer wieder von neuem an. Ich konnte dieses Mädchen
einfach nicht verstehen. Innerhalb von nur ein paar Tagen schien sie hier jeder
ins Herz geschlossen zu haben. Mir war zu Ohren
gekommen das sie seit ihrem ersten Tag hier im Hauptquartier den Leuten in der
Zentrale immer ein selbstgemachtes Frühstück mitbrachte. Und es kursierten
Gerüchte unter der Technikercrew die für die Instandhaltung der EVAs
verantwortlich war das sie den besten Kaffee weit und breit machte. Sie
soll sogar angeboten haben in der momentan unterbesetzten Krankenstation
auszuhelfen. Jeder hier schien ihrem Charme verfallen zu sein. Vielleicht war
es wegen ihrer leuchtenden Augen und ihrem herzerfrischendem Lächeln. Jedesmal
wenn ich sie sah, sah sie fröhlich und heiter aus. Außer dieses eine Mal im Bad...
Ich schüttelte den Kopf. Ich sollte mich deswegen nicht
schuldig fühlen. Ich hatte ihr gesagt das ich nicht Freundschaft mit ihr
schließen wollte. Vielmehr war ich mir sicher das sie meinen Standpunkt und
meine Gefühle sogar sehr gut verstand. Aber das hielt sie nicht davon ab es
weiterhin zu versuchen. Ich seufzte. Nur noch ein Engel und dann würden wir
wieder getrennte Wege gehen und sie würde nicht das Risiko eingehen müssen von
mir verletzt zu werden. Oder war es umgekehrt?
Ich drehte das Wasser ab, ging aus der Dusche und nahm ein
Handtuch um mich abzutrocknen. Ich hob eine Hand an meine Nase und roch daran.
Ganz egal wie lange man badete oder unter der Dusche stand, man roch immer noch
ein wenig nach LCL, zwar nur schwach, trotzdem merkte man es. Ich haßte das.
"Hier bist du. Ich habe mich schon gewundert warum du
so lange brauchst."
Ich sprang auf. Ich war so sehr in meine Gedanken vertieft
gewesen das ich überhaupt nicht bemerkt hatte das ich gar nicht allein war. Hastig zog ich meine Unterwäsche an. Es war mir peinlich
das mich meine Teamkameradin völlig nackt gesehen hatte.
"Nagisa! Glaubst du nicht das einige Leute hier gerne
ihre Privatsphäre haben würden?!"
Sie starrte mich nur verdutzt an, als sie sich auf die Bank
in der Umkleidekabine setzte, genau neben der Stelle wo ich den Großteil meiner
Kleidung abgelegt hatte.
"Warum schämst du dich?"
"Nun.... weil du... mich nackt gesehen hast..."
Ich lief knallrot an.
"Das sollte dir nicht peinlich sein. Der Körper ist nur
eine Hülle der die menschliche Seele beherbergt. Man sollte die Schönheit von
jemanden nicht an seinem Äußeren messen, sondern an seinem Herz und seiner
Seele. Ich denke das du wunderschön bist."
Es war das erste mal das jemand so etwas zu mir gesagt
hatte. Ich mußte mich über ihre Worte wundern. Asuka und Rei waren beide
wunderschöne Mädchen. Aber das war es nicht was mich an ihnen angezogen hatte.
Ich glaube... das sie die Wahrheit gesagt hat. Trotzdem...
Ich erstarrte als ich sah wie sie mit einem neugierigen
Gesichtsausdruck etwas von der Bank in die Hand nahm.
"FASS DAS NICHT AN!"
Das überraschte das Mädchen und sie ließ das silberne Kreuz
fallen.
Ich sah sie wütend an bevor ich es aufhob.
Rei...
Ich legte mir das Kreuz um den Hals und zog mich rasch an.
Dann ging ich fort und ließ das verblüfft dreinblickende Mädchen einfach hinter
mir zurück.
* * *
Eine weitere leere Wohnung. Ich versuchte nicht enttäuscht
zu sein, aber es half alles nichts. Es kam mir wie ein Wunder vor das ich nicht
schon längst aufgegeben hatte. Trotzdem, seitdem mir bewußt war das Rei für
immer fort war, hatte ich eine leere Wohnung nach der anderen abgesucht.
Die Explosion von EVA-00 hatte einen Großteil von Tokyo-3
zerstört, viele Gebäude waren aber auch einfach nur beschädigt worden. Wie auch immer, jedenfalls hatte man die meisten von ihnen
geräumt, weil sie nicht mehr bewohnbar waren und jeden Moment einstürzen
konnten. Dieses Gebäude hier war eines davon.
Genaugenommen war es eigentlich verboten diese Gebäude zu
betreten, aber es gab keine Sicherheitskräfte die einen hätten davon abhalten
können. NERV konnte die notwendigen Resourcen dafür nicht bereit stellen. Und
scheinbar schien es niemanden zu kümmern, da keiner der Sicherbeamten die mich
aus den Schatten heraus beobachteten einen Finger rührten um mich aufzuhalten.
Diese Gebäude gaben ein exzellentes Versteck ab für jemanden
der nicht gefunden werden wollte. Jemanden wie Asuka.
Es war gesichert das Asuka die Stadt nicht mit dem Zug
verlassen hatte. Also blieben nur zwei Möglichkeiten. Entweder ist sie zu Fuß
gegangen, aber in diesem Fall wäre sie ziemlich leicht aufzuspüren gewesen,
oder sie hatte die Stadt überhaupt nicht verlassen und versteckte sich einfach
irgendwo, und zwar höchstwahrscheinlich in einem von diesen verlassenen
Gebäuden. Und obwohl der größte Teil von Tokyo-3 zerstört war, gab es immer
noch genug von diesen beschädigten Gebäuden um für mehrere Wochen nach ihr
suchen zu können und sie trotzdem nicht zu finden wenn sie es nicht wollte.
Meine Einschätzung der Situation war ziemlich pessimistisch,
aber ich weigerte mich einfach aufzugeben. Dieser letzte Rest an Hoffnung war
alles was mir noch geblieben war. Und wenn ich sie nicht mir zuliebe fand, dann
mußte ich sie zumindest um ihret willen finden. Wer konnte schon wissen ob das
was von Tokyo-3 übriggeblieben war nicht beim Angriff des nächsten Engels
zerstört wurde.
Ich ging weiter zur nächsten Wohnung. Die Tür stand offen,
was ein gutes Zeichen sein konnte. Eine offene Tür konnte bedeuten das es für
Asuka leicht wäre in diese Wohnung einzudringen und zu ihrem Versteck zu
machen. Ich weiß von früheren Versuchen das es nicht gerade leicht war eine
verschlossene Tür aufzubrechen. Meine Hoffnungen schwanden als ich sah in was
für einem Zustand sich die Wohnung befand. Sie hatte stark unter der Explosion
gelitten. Eine Wand und ein Teil der Decke fehlten. Auf dem ganzen Flur lagen
Trümmer verteilt. Als ich mich umsah, bemerkte ich das der Inhalt des
Kühlschranks schon halb verfault war. Die Wasserleitungen schienen unterbrochen
zu sein. Das Wasser in der Badewanne stammte wahrscheinlich noch vom letzten
Regen. Ich bezweifelte ernsthaft das Asuka sich ausgerechnet diesen Platz
ausgesucht hatte um sich zu verstecken.
"Du suchst nach dem Second Children, nicht wahr?"
Mein Herzschlag setzte für eine Sekunde aus. Ich hatte nicht
erwartet hier diese Stimme zu hören. Ich drehte mich um, und sah wie Nagisa in
dem Raum stand der früher einmal das Wohnzimmer gewesen sein mußte. Sie hob
ihre Hand mit der sie eine braune Papiertüte festhielt.
"Etwas zu Essen für dich. Ich dachte mir das du hungrig
wärst, da du nicht in der Kantine warst."
Plötzlich erinnerte ich mich das ich versprochen hatte mit
ihr dorthin zu gehen... das heißt, das war bevor sie Rei´s Kreuz angefaßt
hatte...
"Es ist nicht selbstgemacht. Ich hatte keine Zeit dazu.
Tut mir leid."
Ich schaute das Mädchen nochmal an. Sie sah aus als ob sie
es ernst meinte. Tatsächlich... sah sie dabei sogar
fast so aus wie Rei. Ich kann nicht sagen warum, aber irgendwie beunruhigte
mich das.
"Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Ich wußte nicht
was das Kreuz dir bedeutet. Ich... ich wollte es mir nur einmal genauer
ansehen."
Ich erinnerte mich wie ich sie angeschrieen hatte.
Wahrscheinlich hatte ich... überreagiert.
"Danke. Für das Essen."
Ich wollte mich nicht entschuldigen. Immerhin hatte sie ohne
Erlaubnis meine Sachen angefaßt...
Meine Sachen... seit wann betrachtete ich das Kreuz als mein
Eigentum? Sicher, Rei hätte gewollt das ich das Kreuz bekomme, aber... es
fühlte sich einfach nicht richtig an. Ich entschuldigte mich nicht. Aber das
bedeutete nicht das ich ihr noch weiterhin böse sein mußte. Ihre Augen schienen
aufzuleuchten als sie meinen Stimmungswechsel bemerkte und ich aufhörte sie mit
einem finsteren Blick anzusehen.
"Es war mir ein Vergnügen," erwiderte sie, mit dem
üblichen Lächeln in ihrem Gesicht.
Die Situation fühlte sich immer noch ein wenig unangenehm
an. Bei diesem Mädchen war ich mir nie sicher wie ich mich verhalten und was
ich sagen sollte. Also nahm ich die Tüte die sie mir reichte, ging auf das was
von der Küche übriggeblieben war zu und fegte die Trümmer die auf dem Tisch und
zwei Holzstühlen lagen mit der Hand herunter. Schweigend lud ich sie ein mir
Gesellschaft zu leisten.
Die Mahlzeit die sie mir gegeben hatte war einfach gehalten,
ein einzelnes Schinkensandwich und eine Flasche Orangensaft. Aber so wie mein
Magen sich mittlerweile bemerkbar machte, war es mehr als willkommen. Ich hatte
gar nicht gemerkt das ich so hungrig war. Ich nahm einen Bissen, das Sandwich
war wesentlich besser als ich angenommen hatte, als sie wieder zu sprechen
anfing.
"Glaubst du wirklich das du sie hier finden
wirst?"
Ich nahm mir die Zeit runterzuschlucken bevor ich antwortete
(Gut da steht "chew" = kauen,
aber schließlich spricht man ja nicht mit vollem Mund). Tatsache war... ich
fragte mich die ganze Zeit dasselbe.
"Ich weiß es nicht. Wenn sie nicht gefunden werden
will, dann bezweifle ich das ich es werde."
"Also hoffst du das sie dich sieht und dann
zurückkommt."
Entweder war dieses Mädchen sehr gut darin
andere einzuschätzen, oder mein Schmerz war mir deutlich anzusehen.
"Ja."
Sie runzelte gedankenverloren ihre Stirn.
"Du widersprichst dir selbst. Du willst den Schmerz
entkommen indem du den Kontakt mit anderen meidest, dennoch willst du denjenigen
finden der verantwortlich ist für den Schmerz der dich innerlich
zerreist."
"Es ist nicht allein Asuka´s Schuld..."
Nein, es war nicht nur Asuka. So viele Dinge... die Engel...
Vater... ich...
"Trotzdem tut sie dir weh."
"Ja."
"Und du willst sie wiedersehen?"
"Ja."
"Auch wenn es vielleicht bedeutet das du wieder
verletzt wirst?"
Ich wußte nicht wie ich darüber denken sollte. Sie hatte
recht, ich wußte es. Ich hatte beschlossen diesem Mädchen aus dem Weg zu gehen,
weil ich vermeiden wollte durch eine weitere Freundschaft die zwangsläufig nur
Leid mit sich bringen würde verletzt werde. Trotzdem, ich hatte versucht
herauszufinden ob Ayanami sich noch an mich erinnerte. Und hier stand ich und
suchte nach Asuka.
"... ja."
"Dann, warum öffnest du dich anderen gegenüber
nicht?"
"Ich... ich weiß es nicht..."
Eine bleierne Stille folgte. Sie sagte nichts mehr, das
mußte sie auch nicht. Ich konnte ihre stumme Frage erahnen. Wenn es dir in
Wahrheit egal war wieder von diesen Mädchen verletzt zu werden, warum stößt du mich
immer wieder von dir weg?
Vielleicht weil... ich sie liebte, wurde mir klar. War es
das was Liebe ausmachte? Den Schmerz zu ertragen, für das Wohl derer die wir
liebten, um mit denen zusammenzusein die man liebte? Rei hatte sich geopfert
weil sie mich geliebt hatte. War Asuka davongelaufen weil sie glaubte ich würde
ohne sie glücklicher sein? Wenn es so war, tat sie sich dann selbst nich
genausoviel weh wie sie mir wehtat, ohne es zu wissen? Wenn es so war... dann
ist die Liebe vielleicht mehr ein Fluch als ein Segen...
Als ich über die Beziehungen nachdachte die ich einmal mit
zwei mir sehr wichtigen Mädchen hatte, begann ich mich über etwas zu wundern...
"Nagisa, du bist... du bist immer so freundlich zu mir.
Warum? Warum versuchst du weiterhin mein Freund zu sein?"
"Jemanden zum Lächeln zu bringen macht mich glücklich.
Aber es macht mich traurig wenn ich sehe wie ein so reines Herz von Sorge,
Schuld und Verzweiflung erdrückt wird. Ich möchte dich besser kennenlernen,
damit ich deinen Schmerz besser verstehen kann, und dich wieder zum Lächeln
bringe."
"Du... willst mich zum Lächeln bringen?"
Dieser Moment... er kam mir so bekannt vor...
'Es tut mir leid. Ich weiß nicht wie ich mich in solchen
Augenblicken verhalten soll...'
'Ich denke... du solltest lächeln...'
Bin ich so geworden... wie Rei früher war?
Wann hatte ich eigentlich zum letzten mal gelächelt?
"Ja."
"Warum? Warum ich? Da draussen gibt es eine Menge Leute
die unglücklich sind. Warum ziehst du mich ihnen vor? Warum nicht Misato? Oder
besser noch, der Mann der sich als meinen Vater bezeichnet?"
Unbewußt erschauderte ich bei dem Gedanken den Kommandanten
lächeln zu sehen. Aber auf seine Weise... hatte diese Vorstellung auch einen
gewissen Reiz.
Ich seufzte. Ich konnte nicht fassen das ich noch immer
Hoffnung für ihn empfand. Lernte ich es denn niemals?
"Weil du es wert bist geliebt zu werden."
Ich sah sie verblüfft an. Was hatte sie damit gemeint? Sie
schien meine Gedanken gelesen zu haben als sie meine unausgesprochene Frage
beantwortete.
"Ich meine damit, ich liebe dich."
Ich erstarrte. Dieses Mädchen... hatte gerade gesagt das sie
mich liebt. Ich spürte wie ich langsam in Panik geriet. Nicht noch ein drittes
mal... Ich fragte mich ob ich dieser Situation entkommen konnte wenn ich
einfach davonlief...
"Nein..."
Ich wurde stocksteif (jaja, ich weiß, das kann man
zweideutig interpretieren) als ich spürte wie sie ihre Hand auf meine legte.
Instinktiv wollte ich meine Hand wegziehen, aber ihre Berührung war so
angenehm...
"Das ist es was du willst, nicht wahr? Du möchtest
einfach nur geliebt werden."
Sie hatte recht, oder nicht? Seit dem Tag als ich mein altes
Leben hinter mir gelassen hatte, sicher vor der Außenwelt, hatte ich mich
danach gesehnt akzeptiert zu werden. Vater. Misato. Meine Freunde. Rei. Asuka.
Und Liebe bedeutete noch weit mehr als nur Akzeptanz...
"Ja."
"Aber du glaubst das du es nicht wert bist geliebt zu
werden."
"Alle die ich geliebt habe sind verletzt
worden..."
"Ein einzelner hat keinen Einfluß auf das Schicksal
anderer."
Ich wußte, es machte Sinn, aber...
"Ich kam mit der Hoffnung hierher einen Vater
wiederzufinden der mich einst verlassen hatte. Ich habe nur einen herzlosen
Mann gefunden. Dann habe ich Freunde gefunden und zwei wundervolle Mädchen
kennengelernt. Ich habe beinahe meinen besten Freund getötet. Ein Mädchen das
ich geliebt habe erinnert sich nicht mehr an mich. Das andere ist
davongelaufen. Ebenso hatte ich einen Mann kennengelernt den ich bewundert
habe, der für mich wie der Vater war den ich mir immer gewünscht hatte. Er ist
gestorben. Ist es dann nicht natürlich Angst zu, das wenn man sich neue Freunde
sucht am Ende doch nur wieder verletzt wird. Ich will nicht mehr verletzt
werden..."
"Das ist nich dasselbe was du früher einmal gesagt
hast. Ich frage dich, wovor fürchtest du dich am meisten? Schmerz oder
Einsamkeit?"
Solch eine Frage... Mir wurde bewußt das ich darauf keine
Antwort wußte.
Ich zog schließlich meine Hand weg und blickte in eine
andere Richtung. Ich konnte sie nicht länger ansehen. Meine Verwirrung steigerte
sich immer mehr.
"Es ist spät geworden. Es wäre zu gefährlich in der
Dunkelheit weiterzusuchen. Wir sollten nach Hause zurückgehen."
Ich bin mir nicht ganz sicher was in diesem Moment über mich
gekommen ist. Vielleicht lag es an der deutlich hörbaren Enttäuschung in ihrer
Stimme. Aber ich glaubte plötzlich ein Wagnis
eingehen zu können. Ich mußte es einfach tun.
"Würdest du mich immer noch gerne spielen hören...
Kaoru?"
"Das würde ich wahnsinnig gern... Shinji-kun."
Sie lächelte. Ich lächelte zurück. Ich hatte fast schon
vergessen wie es sich anfühlt. Es war ein wunderbares Gefühl.
Also machten wir uns auf den Weg zu meiner Wohnung.
* * *
Ich versuchte nicht allzu sehr entäuscht dreinzublicken als
ich Kaoru ansah. Sie hatte sich auf ihren Knien niedergelassen, ihre Augen aber
waren gechlossen. Ich vermutete das sie eingeschlafen war. Ihr Gesicht zeigte
einen Ausdruck tiefster Ruhe und Gelassenheit, nur gestört von einem kleinem
glücklichem Lächeln. Sie schien überhaupt nicht mehr wahrzunehmen was um sie
herum geschah.
Es schien mir unmöglich zu sein das irgendjemand auf dieser
Welt so glücklich aussehen konnte.
Als ich meine Darbietung beendet hatte, öffnete sie ihre
Augen und zeigte damit das sie tatsächlich wach war.
"Deine Musik war außerordentlich und wunderschön
zugleich. Danke Shinji-kun. Ich habe jeden einzelnen Moment davon
genossen."
Sie bekräftigte ihre Worte indem sie tatsächlich leicht mit
ihren Händen klatschte. Vor lauter Verlegenheit lief ich rot an. Ich war es
nicht gewohnt für meine Musik Beifall zu bekommen. Ich wußte das es Asuka und
Rei gefallen hatte als ich damals für sie gespielt habe, aber wir haben
eigentlich nie richtig darüber gesprochen. Mir war klar das ich noch Übung
brauchte und weit davon entfernt war perfekt zu sein, trotzdem fürchtete ich
mich davor negative Kommentare zu bekommen.
"Du solltest dein Talent nicht für dich selbst
behalten. Du solltest die ganze Welt daran teilhaben lassen."
Ich errötete noch stärker.
"Kaoru... Ich... ich bin dazu nicht gut genug..."
"Doch das bist du. Dir fehlt nur ein wenig
Selbstvertrauen."
Ich mußte bei diesen Worten erstmal tief Luft holen... tief
in mir drinnen wußte ich das diese Worte der Wahrheit entsprachen.
"Und beim nächstenmal solltest du etwas fröhlicheres
spielen. Das würde vielleicht den Schmerz in deinem Herzen lindern."
"Danke... Kaoru."
Sie schüttelte den Kopf.
"Nein. Ich danke *dir*, Shinji-kun. Es war mir eine
Freude dich spielen zu hören. Ich weiß es sehr zu schätzen das du mich zu dir
nach Hause eingeladen und mir gegenüber geöffnet hast."
"Nun... äh..."
Ich wußte nich was ich sagen sollte. War das wirklich das
was ich tat? Mich ihr zu öffnen?
Für kurze Zeit wurde es richtig peinlich, weil ich pötzlich
nicht mehr wußte was ich tun oder sagen sollte.
"Es ist spät geworden. Ich sollte vielleicht zu meiner
Wohnung zurückgehen."
Anscheinend hatte sie gemerkt das ich mich in ihrer Nähe
immer noch nicht wohl fühlte.
"Ist wahrscheinlich am besten so..."
Gerade als Kaoru gehen wollte war von draussen ein
Donnergrollen zu hören, was mir sehr ungelegen kam. Als ich nach draussen sah,
stellte ich fest das es ziemlich heftig regnete. Ich blickte Kaoru an. Sie trug
nur ihr weißes Sommerkleid und ein paar leichter Sommerschuhe. Da Tokyo-3
größtenteils zerstört war, gab es auch keine Taxis mehr. Wenn sie bei solch
einem Wetter nach draussen ging, würde sie bis auf die Knochen durchnässt und
möglicherweise auch noch krank werden.
Ich seufzte als ich erkannte das ich sie guten Gewissens
nicht gehen lassen konnte.
"Ich denke... das du hier schlafen kannst." Ich
dachte kurz nach und widerwillig fügte ich hinzu, "Asuka´s Zimmer ist
frei... du kannst in ihrem Bett schlafen... solange du in ihrem Raum nichts
anfaßt."
Das Mädchen nickte.
"Du läßt alles so wie es ist für den Fall das sie
zurückkommt, nicht wahr"
Diesesmal nickte ich.
"Es ist noch ein wenig zu früh um schlafen zu gehen.
Vielleicht könntest du die Zeit nutzen um mir etwas über dich und die anderen
Children zu erzählen... wenn es nicht zu schmerzhaft für dich ist..."
"Nein, das geht schon in Ordnung."
Es war schon seltsam. Es war ein gutes Gefühl imstande zu
sein mit jemandem über die Mädchen und wie ich mich fühlte reden zu können. Ich
erzählte ihr alles über Rei und Asuka, wie ich sie kennengelernt habe, als
unsere Beziehungen über die von Kollegen und Freunden hinausging. Sie stellte
mir eine Menge Fragen über unsere Beziehung. Sie fragte mich sogar ob ich Sex
mit ihnen hatte, was ich dadurch beantwortete indem ich rot anlief. Schnell
versuchte ich das Thema zu wechseln.
"Warum bist du zu NERV gekommen? Ich meine... du weißt
doch was mit den anderen Piloten passiert ist..."
"Es war meine Absicht."
"Deine Absicht?"
"Ja. Ich bin hierhergkommen weil es ich hier etwas tun
muß. Ein Bedürfnis das befriedigt werden muß, dem ich nicht widerstehen kann,
ansonsten würde es mich letzten Endes verzehren."
"Oh..."
Also deshalb hatte sie eingwilligt EVA zu steuern? Das war
dann doch ziemlich vage. Und ich kann nicht genau sagen warum, aber irgendetwas
an dieser Aussage störte mich.
"Warum steuerst du EVA, Ikari-kun?"
Ich zuckte bei dieser Frage zusammen. Man hatte sie mir
schon früher gestellt, und ich war nie in der Lage gewesen eine klare Antwort
darauf zu geben, weil sich meine Gründe sich mit der Zeit immer wieder geändert
hatten. Letzlich seufzte ich einfach nur und tat das was zuvor schon gewirkt zu
haben schien: ich erzählte was ich darüber dachte.
"Ich... ich bin mir nicht mehr ganz sicher. Das
erstemal habe ich EVA gesteuert um Rei´s Leben zu retten. Dann habe ich EVA
gesteuert weil man es mir so gesagt hatte. Ich habe auch versucht den Respekt
von meinem Vater zu gewinnen, damit er wußte das ich existierte. Ich habe nie
das gefunden wonach ich gesucht hatte. Später wurde mir klar das ich EVA
steuern mußte um die zu beschützen die ich liebte. Aber am Ende habe ich sie
alle verloren. Jetzt... glaube ich möchte ich mich nur noch verkriechen. Nur
noch ein Engel, ein letztes mal."
Kaoru´s Augen verengten sich zu Schlitzen und ihr Gesicht
nahm einen ernsthaften Ausdruck an.
"Ich verstehe. Und was willst du tun wenn der letzte
Engel besiegt wurde?"
"Wenn ich noch am Leben bin... Ich glaube ich werde
wohl nach einem anderen Grund zum weiterleben suchen müssen..."
Mit einem mal wurden wir beide still. Es war ein wenig
beunruhigend sie nicht lächeln zu sehen...
"Was bedeutet das Kreuz das du trägst für dich?"
Ich holte das silberne Kreuz unter meinem Hemd hervor und
starrte es an.
"Das Kreuz hat Rei gehört. Sie hatte es für mich
dagelassen, bevor wir gegen den 16. Engel gekämpft hatten. Ich glaube sie wollte
das ich es bekomme. Deshalb trage ich es."
Wir unterhielten uns noch für eine Weile. Ich sprach über
meine Mutter und meinen Vater. Ebenso sprach ich über Misato und Kaji. Als wir
miteinander redeten, erfuhr ich das Kaoru nie so etwas wie Eltern gehabt hatte.
Zu dieser Zeit dachte ich das sie Kaour entweder verlassen haben mußten oder
während des Second Impacts gestorben waren. Es war ein Thema bei dem sie ein
wenig unsicher zu sein scheinte, das sie sich die Zeit nahm ihre Worte
sorgfältig zu wählen. Also beschloß ich sie nicht zu bedrängen. Außerdem war es
bereits spät geworden. Wir hatten bereits zwei Stunden lang miteinander geredet
und so beschlossen wir beide das es spät genug war um schlafen zu gehen. Ich
zeigte ihre den Weg zu Asuka´s Zimmer, und ging dann auf das meinige. Als ich
die Tür geschlossen hatte, stieß ich einen langen Seufzer aus und ließ mich auf
mein Bett fallen. Ich rollte mich auf den Rücken und starrte an die Decke, so
wie ich es bereits viele male zuvor getan hatte.
Sie hatte recht. Langsam aber sicher öffnete ich mich ihr
gegenüber.
War das ein Fehler? Ich war mir nicht sicher. Sie schien so
nett zu sein, ohne das dahinter Böswilligkeit zu stecken schien. Wie könnte sie
mich verletzen?
Heute nacht... zum ersten mal in einer Zeitspanne die mir
wie eine Ewigkeit erschienen war... fühlte ich mich nicht mehr länger allein.
Und... ich wollte mich auch nicht mehr alleine fühlen. War das der Grund warum
ich mich ihr gegenüber öffnete? Einem Mädchen das ich kaum kannte? War ich
schon so armselig das mir jeder recht war, hauptsache er ließ mich die
Einsamkeit in meinem Herzen vergessen?
Was fürchtete ich in Wahrheit mehr? Schmerz oder Einsamkeit?
Dann kam mir ein Gedanke. Ein ziemlich störender Gedanke.
War diese Furcht vor der Einsamkeit der Grund gewesen warum ich meine Wahl
zwischen Asuka und Rei immer wieder hinausgezögert hatte?
* * *
Ich saß in einem dunklem Raum auf einem Stuhl. Ich saß im
Mittelpunkt von einem Lichtkreis der vielleicht zwei Meter Durchmesser hatte. Alles andere war pechschwarz, ich konnte auch nicht
sehen woher das Licht kam. Ich wußte nicht wie ich hierhergekommen war. Alles
was ich wußte war das ich Angst hatte. Nicht vor dieser ungewohnten Umgebung.
Es war etwas anderes. Ein überwältigendes Gefühl von Furcht. Irgendetwas würde
passieren.
Und das tat es. Und es war schlimmer als alles was ich mir
hätte vorstellen könnte. Bilder tauchten vor mir auf. Sie kamen nicht aus einem
Projektor, oder erschienen auf einem Bildschirm, sie waren einfach da. Aber ich
wunderte mich nicht über ihre Herkunft. Ich zitterte am ganzen Leib als ich die
Bilder erkannte.
EVA-01, als er versuchte gegen den 16. Engel zu kämpfen. Es
war eine Szene die sich bis auf den Grund meiner Seele eingebrannt hatte. Als
der Engel den Panzer von EVA-01 schmolz, ließ der den gigantischen Wurm aus
Licht loß. Er bereitete sich gerade darauf vor einer weiteren Attacke
auszuweichen, als der Wurm plötzlich erstarrte. Auf der anderen Seite des
Engels, rollte sich EVA-00 genau an der Stelle wo er mit dem Engel verbunden
war zu einem Ball zusammen.
"Nein!"
Ich wollte nicht sehen was als nächstes kam. Also schloss
ich meine Augen.
Aber dann hörte ich die Worte.
'Rei! Tu was Misato sagt!'
'Es ist zu spät...'
'Rei!!!'
Ich öffnete meine Augen und sah wie EVA-01 auf EVA-00
zurannte. Aber ich wußte bereits das sie nicht rechtzeitig ankommen würde.
'Shinji... Was auch immer passieren mag... vergiß nie... das
ich dich liebe.'
'NEIN! Rei! Tu das nicht! REI!!!'
'Ich liebe dich...'
Die Explosion von EVA-00 blendete mich, dann verschwanden
die Bilder und alles wurde wieder schwarz.
"Du hast mich sterben lassen."
"Rei!"
Ich drehte mich um und sah Rei. Sie stand, wie immer
gekleidet in ihrer Schuluniform hinter mir. Sie war alles was ich in dieser
totalen Finsternis sehen konnte.
"Nachdem der 15. Engel besiegt war, hattest du
geschworen das du nicht zuläßt das ein weiterer Engel uns verletzen wird. Aber
du darin versagt mich zu beschützen und darum mußte ich sterben."
"Ich habe alles getan was ich konnte!"
"Nein, das hast du nicht. Du hättest ihn vernichten
können."
"Wenn ich ihn angegriffen hätte wärst auch du verletzt
worden!"
"Du hast genauso gehandelt wie damals beim 13. Engel.
Du hattest Angst davor uns zu verletzen, also hast du mich stattdessen einfach
sterben lassen. Ich hatte nicht so viel Glück wie Suzuhara-kun."
Damit hatte sie es ausgesprochen. Ein Gedanke der mich seit
diesem Tag quälte, ein Gedanke vor dem ich mich geweigert habe mich ihn zu
stellen, ja überhaupt darüber nachzudenken. Vielleicht hätte sie der Angriff auf
den Engel verletzt, aber im Endeffekt hätte es ihr wahrscheinlich das Leben
gerettet.
"Nein... Ich... Rei... Ich..."
Ich versuchte wegzuschauen. Sie tauchte einfach wieder vor
mir auf, diesesmal in ihren Pluigsuit gekleidet. Ihr Körper war übersäht mit Verletzung
die ohne Zweifel vom Kampf mit dem 16. Engel stammen.
"Du hast mich getötet."
"Rei!"
Ich rannte auf sie zu, versuchte sie zu erreichen. Ich
füllte mich einfach nur verloren und verwirrt, voller Schuldgefühle. Jedoch,
als ich sie mit meinen Fingerspitzen berührte, ging ihr ganzer Körper in
Flammen auf. Ich sah wie ihre Haut so schwarz wie Kohle wurde und sich von
ihren verbrannten Knochen löste, die bald selbst nicht mehr als schwarze Asche
waren die in der Dunkelheit verschwand.
"Rei! Rei!"
Weinend brach ich auf dem Boden zusammen.
"Du hast mich niemals geliebt. Du hast immer nur sie
geliebt."
Geschockt blickte ich auf und sah Asuka wie sie mit
tränenüberströmten Gesicht auf mich herabblickte. Ihre Schuluniform war
schmutzig und zerissen. Sie war blaß und sie schien an Gewicht verloren zu
haben und dunkle Ringe unter ihren Augen zeigten das sie am Rand der völligen
Erschöpfung stand. Sie schien nicht wütend zu sein, dennoch war ihr Blick so
kalt wie Eis und zeigte damit wie Ernst sie diese Worte gemeint hatte.
"Das ist nicht wahr Asuka! Ich liebe dich!"
"Du hast es niemals gezeigt."
Sie hätte mir nicht mehr wehtun könne wenn sie mit einem
Messer auf mich eingestochen hätte.
"Aber ich liebe dich wirklich! War diese Nacht den
nicht Beweis genug?"
"Du hattest einfach nur Mitleid mit mir. Außerdem muß
es für dich doch nur eine weitere schnelle Nummer gewesen sein. Du hast zuvor
bestimmt schon mit Rei geschlafen. Du wußtest einfach zuviel. An welchen
Stellen du mich berühren musstest, wie du mich am besten befriedigen konntest.
Wie zärtlich du doch warst um mir keine Schmerzen zuzufügen. Du hast mein
Vertrauen in dich verraten.“
Ich gab einen erstickten Laut von mir. Sie wußte es...
"Asuka... Ich... ich... ich liebe dich
wirklich..."
"Das ist nicht von Bedeutung. Du liebst sie nämlich
auch."
"Aber sie ist tot!"
"Also soll ich ihr Ersatz sein? Ihren Platz in deinem
Bett einnehmen?"
"Nein! Nein... das... das ist nicht... Ich...
Ich.."
Tief in meinem Herzen wußte ich das sie recht hatte. Es war
unfair von mir mich ihr auf diese Weise zuzuwenden nur weil Rei nicht mehr
verfügbar war. Von einer zur anderen hüpfen... das war einfach falsch. Es war
von Anfang an falsch gewesen...
"Es ist zu spät. Ich werde dich jetzt verlassen."
Asuka kramte in ihrer Tasche und holte ein langes
Küchenmesser hervor. Ich sah zu meinem Entsetzen wie sie die Klinge an ihr
Handgelenk setzte.
"Ich werde dich nie wieder belästigen. Nie
wieder."
Mein Gott!
"Nein!"
Bevor ich etwas tun konnte schnitt die Klinge sauber und
tief durch Haut und Fleisch, zertrennte Venen und ließ ihr Blut ungehindert aus
ihrem Körper spritzen, hinein in die Dunkelheit.
"Asuka!"
Als ich versuchte ihr Handgelenk zu packen um den Blutfluß
zu stoppen, explodierte ihr Körper in einem Schauer aus heißen Blut der mich
von oben bis unten besudelte.
Ich schrie.
* * *
Ich schreckte schweißgebadet hoch, in einem Zustand zwischen
Schlafen und Wachen, voller Furcht vor der Dunkelheit in meinem Zimmer. Ich
geriet in Panik als ich merkte das ich mich kaum bewegen konnte; während meines
Alptraums hatte ich es geschafft mich in meine eigenen Bettlaken zu verheddern.
Ich kam mir vor wie ein gefangenes Tier. Ich
versuchte mich zu befreien, indem ich mit Händen und Füßen strampelte, keuchend
und weinend. Und ich hörte auch nich damit auf als mich endlich befreit hatte.
Ich hörte erst auf als zwei Hände meine Arme ergriffen, sich jemand an meinen
Rücken lehnte, und ich einen heißen Atem an meinem Nacken spürte. Furcht
überkam mich und ich wäre beinahe wieder durchgedreht, als ich die sanften,
beruhigenden Worte hörte.
"Schon in Ordnung. Es ist vorbei. Da ist
nichts wovor man sich fürchten muß. Du bist jetzt wach."
Diese Worte drangen durch den Schleier der sich
um meinen Verstand gelegt hatte. Es war alles nur ein Traum gewesen. Nein... ein
Alptraum.
Ich saß mit schweissgetränkten Nachthemd auf
meinem Bett und zwei Armen hatten sich fest um mich gelegt. Dann brachen die
Erinnerungen an den Traum über mich herein. Ich schaffte es kaum die Tränen zu
unterdrücken die mich zu überwältigen drohten.
"Shinji-kun. Tu dir das nicht an."
Ich drehte meinen Kopf und sah Kaoru an. Sie
hatte einen traurigen Gesichtsausdruck. Ich war überrascht, als ich sah wie
eine Träne an ihrer elfenbeinfarbenen Haut herunterrann. Ein Teil von mir
registrierte das sie nackt war, aber in diesem Moment erschien es mir wie die
unwichtigste Sache der Welt.
"Soviel Leid und Kummer. Friß nicht alles
in dich hinein. Es ist in Ordnung zu weinen. Laß alles heraus. Laß es
heraus."
Ich sah in diese roten, tränenerfüllten Augen. Tränen
die sie vergoß weil sie die wahre Bedeutung meines Schmerzs spüren konnte. Da
brach es aus mir heraus. Ich fing wieder an zu weinen, ließ all die Tränen
heraus die sich in mir angestaut hatten.
Ich weiß nicht wie lange ich geweint habe. Aber
die ganze Zeit hielt sich mich fest in ihren Armen, flüsterte mir Worte zu die
ich nicht wirklich verstand; aber das war mir egal, der Klang ihrer Stimme
wirkte beruhigend auf mich. Als ich aufgehört hatte zu weinen, zog sie mir mein
T-Shirt aus, mit der Bemerkung das ich nicht in solch verschwitzten Sachen
schlafen sollte. Ich hielt sie nicht davon ab, dafür fühlte ich mich einfach zu
erschöpft.Als wenn ich ein kleines Kind wäre, legte sie mich auf mein Bett und
deckte mich zu, damit mir nicht kalt wurde. Dann beugte sie sich über mich und
küsste mich auf die Stirn, eine Geste die ich schon seit Jahren nicht mehr
erlebt hatte, nicht seit der Zeit als meine Mutter verschwunden war. Kaoru
hätte wohl wieder das Zimmer verlassen, hätte ich sie nicht an ihrem Handgelenk
gepackt.
"Laß micht nicht allein. Bitte... ich habe
Angst... Ich möchte nicht allein sein..."
Sie lächelte und schlüpfte an meiner Seite unter
die Bettdecke. Dann legte sie ihre Arme um mich und drückte sich fest an mich.
"Danke..."
Als wir da so lagen fühlte ich einen
vollkommenen Frieden. Ihr nackter Körper fühlte sich warm und weich an meinem
nackten Rücken an, und ihre Umarmung vermittelte mir ein Gefühl von...
Sicherheit.
Bald konnte ich wieder Schlaf finden, aber
diesesmal, hatte ich nur wunderschöne Träume.
Wenn ich so zurückblickte, wurde mir klar das
ich in dieser Nacht einiges gelernt hatte.
* * *
Als ich aufwachte merkte ich als erstes das
irgendetwas fehlte. Ich brauchte ein wenig Zeit bis mir klar wurde was es war.
Erst als ich begann mich langsam wieder an die Ereignisse von gestern zu
erinnern wurde mir bewußt was es war. Kaour war verschwunden.
Ich stand auf und durchsuchte die ganze Wohnung.
Keine Spur von ihr. Ich sah mich auch draussen um. Es war immer noch mitten in
der Nacht, also konnte sie noch nicht lange fort sein. Wahrscheinlich hatte
mich das aufgeweckt.
Sie war so nett zu mir, trotz all meiner
Anstrengungen sie auf Distanz zu halten. Ich bereute das ich mich so verhalten
hatte. Sie verdiente es besser behandelt zu werden.
'Weil du es wert bist geliebt zu werden.'
'Ich meine, ich liebe dich.'
Sie hat gesagt das sie mich liebt. Und sie hatte
es auch offen gezeigt. Ich war ihr dafür dankbar, aber... ich glaube nicht das
ich ihre Gefühle eines Tages erwidern würde. Wie auch immer, sie schien keinen
Dank dafür zur erwarten, außer der Tatsache das ich ihr gegenüber offener
geworden bin.
Eine Stimme in meinem Hinterkopf versuchte mich
zu warnen das ich ein viel zu großes Risiko einging. Ich ignorierte sie
einfach. Solange ich nicht wußte ob ich bereit für mehr war, ob ich mehr für
sie empfinden könnte, würde ich Nagisa Kaoru nur als einen Freund betrachten.
'Wenn Sie dein Freund ist, warum ist sie dann
ohne ein Wort zu sagen verschwunden.?'
Erneut ignorierte ich die Stimme. Wenn ich auf
sie hörte, dann würde ich für alle Zeiten einsam bleiben. Also konzentrierte
ich mich auf wichtigere Probleme. Ich ging ins Badezimmer.
Genau in diesem Moment fing mein Handy an zu
klingen. Mißmutig, ignorierte ich es einfach und ging weiter. Jetzt da ich ins
Bad ging merkte ich erst wie dringend nötig ich eine Dusche hatte. Mein Handy
hörte währendessen nicht auf zu klingeln. Ich seufzte frustiert, und nahm das
Gespräch an. Es sollte besser dringend sein...