KAPITEL I: Ein ganz normaler Tag

 

Es ist an einem ganz normalen Tag in meinem Leben passiert.

Nun, vielleicht weniger normal. Ehrlich gesagt ... sogar ziemlich unnormal. Oder kann man einen Tag normal nennen, der damit beginnt, von seiner Katze bepisst zu werden? Ich meine, wenn man davon aufwacht, dass sich plötzlich etwas, warmes, flüssiges auf seinem Bauch ausbreitet?

Ich glaube, das fällt schon unter die Kategorie „Abnormaler Tagesbeginn Alarmstufe Rot Gib mir ein Haaaaaaaaandtuch ...“

Genauso begann eben dieser Tag, der vielleicht der wichtigste in meinem Leben werden sollte. Ich wurde von meiner Katze bepisst.

Das nächstliegendste, was man tut, wenn man von Katzenpisse geweckt wird, ist aufspringen, die Katze aus dem Fenster werfen und dann mit der derjenigen, welcher die Katze auf den Kopf gefallen ist – in unserem Fall Ikezawa-semapi, eine ältere Schülerin, die (äußerst bedauernswerterweise) bei uns um Haus wohnt – um die Wette kreischen. Nur dass Naoki Ikezawa „HILFE, DIE ALIENS GREIFEN AN“ schrie, und ich „SCHNUPIPUUUUU-PIIIIIIII!!! HAST DU DIR WAS GETAN, SCHNUCKELBUCKELKUSCHEL-MUSCHELKÄTZCHEN?????“

Woraufhin Ikezawa-sempai mir einen giftigen Blick zuwarf und die Katze zurückgeflogen kam, direkt durch das Fenster an meine Brust.

Vergaß ich zu erwähnen, dass wir im ersten Stock wohnen und dass Schnuuupiiipuuupiii erst wenige Monate alt ist? Sie eignet sich sehr gut als Wurfball, und weil sie immer auf ihren Pfoten landet, schlüpft sie oft unfreiwilligerweise in diese Rolle. Na ja, sie heißt nicht Schnuuupiiipuuupiii, sondern Sailor Mars – meine Mutter hat sie so genannt! Meine MUTTER! – aber hallooo, welche Katze auf dieser Welt heißt denn bitte Sailor Mars? Beziehungsweise welche Mutter guckt mit 38 Jahren noch SAILOR MOON?! Das ist der Grund, dass ich Sailor Mars umgetauft habe. Vorläufig heißt sie Schnuuupiiipuuupiii. Bis mir was Besseres einfällt.

Jedenfalls bettete ich Schnuuupiiipuuupiii in ihrer Pisslache, schnappte mir meine Klamotten und ging ins Bad. Als ich zurückkam, lag da außerdem NOCH ETWAS ANDERES auf dem Bett, weswegen Schnuuupiiipuuupiii ein zweites Mal an diesem Tag aus dem Fenster geworfen wurde.

„DU MACHST DAS EXTRA!!!“, kreischte Ikezawa-sempai draußen im Innenhof, und während ich Schnuuupiiipuuupiii zurück in mein Zimmer fliegen sah, überlegte ich, ob es nicht vielleicht eher Ikezawa-sempai war, die sich extra da draußen posierte, um von Katzen beworfen zu werden und mich anschließend beschimpfen zu können.

Nachdem ich mein Bett frisch bezogen und anschließend vor dem Spiegel meine neu gefärbten Haare bewundert hatte – das Schwarz ist echt, die knallorangen Haarspitzen eher nicht – griff ich mir meine Schultasche und machte mich auf die Socken, um ja nicht zu spät zum Chemieunterricht kommen.

 

„Entschuldigen Sie vielmals, Fräulein Kisega, entschuldigen Sie bitte, ich wollte wirklich nicht zu spät kommen, ich bitte um Verzeihung ...“

Nachdem ich mich so oft verbeugt hatte, dass Fräulein Kisegas Wut über mein (übrigens wiederholtes) Zuspätkommen etwas gestillt war, schlich ich wie ein bedrückter Hund auf meinen Platz neben Tsubake, die mich wütend anstarrte, bis ich mich endlich räusperte.

„Ehh, Tsu, was zum Teufel HAST du??“

„Du hast dein Clubzeug nicht dabei!“, zischte sie.

Oh, ja. Bevor ich weitermachen, muss ich euch was vom Yûgi-Club erzählen. Der wird für den weiteren Verlauf dieser Geschichte wichtig sein. Ohne den Club hätte ich Taiyou nämlich nie getroffen und dann –

Halt, nein. Der Club. Vom Club wollte ich erzählen. Nicht von Taiyou. Die kommt später.

Der Yûgi-Club ist der einzige allein von den Schülern gegründete Club an der Sarashina High, und zwar ein Talentclub. Wobei das Wort Club doch eher als freundliche Umschreibung für Sammelstelle benutzt wird – eine Sammelstelle für die durchgeknalltesten, ausgefreaktesten, wunderlichsten Gestalten an unserer Schule, die alle Talent hatten oder es zumindest glaubten, damit zum Yûgi-Club gingen, etwas vorführten und entweder aufgenommen oder abgewiesen wurden. Cluboberhaupt ist derzeit Aoi Midori, die mit den blauen Haaren, die kennt man. Sooo auffällige Haare hab sogar noch nicht mal ich. Jedenfalls machen wir im Yûgi-Club alles, was mit „Talent“ zu tun hat. Singen. Tanzen. Theater spielen. Hauptsächlich letzteres. Auf alle Fälle Dinge, auf die, wenn man sie lange genug geprobt hat, ein Auftritt vor der Schule folgt. Übrigens hat Tsubake, eine Mitgründerin und (leider) meine beste Freundin, mich dazu gezwungen, beizutreten, aber wenn es nicht gerade um ein offizielles Treffen geht – Proben und alles sind OK, bloß die Treffen nicht – dann bereue ich es auch nicht.

Alle zwei Wochen gibt es ein Clubtreffen. (So wie heute.) Alle Mitglieder versammeln sich in Raum Nummer 207, welcher uns von der Schulleitung zur Verfügung bereit gestellt wurde, weil man die Idee eines Talentclubs gut fand. Auf solchen Treffen werden dann neuste Neuigkeiten ausgetauscht, Dinge beraten (so wie heute – unser letztes Projekt ist zu Ende gegangen und wir müssen uns was neues einfallen lassen), neue Mitglieder vorgestellt etc. etc. etc. Meistens endet das ganze in einem CHAOS, weil wir uns nicht einigen können. Eine fried- und ordnungsliebende Person wie ICH will da am liebsten immer fernbleiben ...

So weit, so gut. Zurück zu Tsubake und mir.

Todesmutig griff ich in meine Jacketttasche und zog einen großen, runden, roten Anstecker hinaus, auf dem „ICH BIN MITGLIED IM YÛGI-CLUB“ stand. (Stellt euch mal vor, wie groß so ein Teil sein muss, damit so ein ewiglanger Satz draufpasst. Und es ist GRELL ROT. Nicht vielleicht unauffällig oder so. Jeder bemerkt es.)

Tsubake zwang mich natürlich gleich dazu, den peinlichen Anstecker an mein Jackett zu stecken, und das machte sich gar nicht gut, weil das Jackett nämlich braun und der Anstecker – wie schon erwähnt – kotzspotzwürgiiihdasistjasoekelhaftwiekannjemandaufsoeinefarbe-kommenwähhh-Rot war.

Ich hatte das Gefühl, dass alle, einschließlich Fräulein Kisega, mich jetzt eigenartig anstarrten. Aus ebendiesem Grund zwang ich Tsubake (feige Sau!! Die drückt sich!!) dazu, sich ihren Anstecker auch auf das T-Shirt zu machen. Jetzt saßen wir beide da, mit hochroten Gesichtern und auf die Tischplatte starrend. (Keine Ahnung, wieso keiner auf die Idee kam, die Anstecker einfach wieder abzunehmen.)

Toya, der vor uns saß, drehte sich zu uns um und grinste fies.

Toya hat einen Einzeltisch, weil er sich andauernd aufführt, als wäre er Mr. Bean höchstpersönlich. Nein, im Ernst, Toya ist der Klassenclown. Er hat kurze, schwarze Haare, Ponyfransen, ein rundes Gesicht, ein ÄUSSERT FIESES Grinsen und eine ganz gemeine Weise, die Leute auf eine echt lustige Art zu verarschen.

Jedenfalls drehte sich Toya zu uns um und mir schwante Böses, während Tsubake neben mir regelrecht Herzaugen kriege. (Sie ist nämlich unsterblich in ihn verliebt.) „Na, ihr beiden Steckerladies“, sagte er lässig zu uns und sützte sich auf die Rückenlehne.

Tsubake grinste und wurde noch röter.

„Woher habt ihr denn die schicken Teile?“, fragte Toya scheinheilig und verkniff sich ein Grinsen.

Ich betete für Tsubake, sie möge sich nicht lächerlich machen, aber sie tat es. „Oh, die sind vom YÛGI-CLUB“, sagte sie so laut, dass Fräulein Kisega, die uns gerade von Molekularstrukturen erzählte, sie mit einem bösen Blick taxierte. Tsubake achtete nicht darauf, sondern fuhr fort, mit vor Stolz geschwellter Brust weiter durch die Klasse zu schreien, wie ach so toll und ach so stark der Yûgi-Club war und dass ja ach so nette Leute dabei waren und ach so weiter und ach so fort und wie ach so viel Spaß es machte, ein ach so tolles Mitglied im ach so tollen Club zu sein. Dann kam, was kommen musste. „Und Toya, willst du nicht auch MITMACHEN? Du könntest Regisseur von Sketchen werden, du bist doch so LUSTIG ...“

Toya lächelte selbstgefällig, doch ich wusste genau, wie es in seinem Kopf aussah. Toya kann nämlich keine begabten Leute leiden, denn er selber ist so begabt wie ein Fleischklops. Klar, Witze machen kann er, aber weil das so ziemlich das einzige ist, was er kann, macht er es die ganze Zeit, was mir natürlich ungemein auf die Nerven geht. Immerhin werde ich ja – unter anderem – auch als Streberin bezeichnet. Aber hey, was kann ich dafür, wenn ich intelligent, hochbegabt und blitzschnell bin und sich mir die Dinge äußerst leicht einprägen? Ich bin keine Streberin – die sehen nur nicht ein, dass ich KLASSE bin. Aber zurück zu Toya.

Weil er keine begabten Leute leiden kann – aus oben genanntem Grund – wird er natürlich erst am Sankt Nimmerleinstag in den Club eintreten, der immerhin ein Talentclub ist, und das weiß Tsubake genauso gut wie ich. Wieso also macht sie sich voll lächerlich und fragt auch noch? Also echt!! Wie doof ist diese Terrorpute eigentlich?!

Toyas selbstgefälliges Grinsen mutierte zu einem fiesen Grinsen. „Also ...“ Er holte Luft und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf, ohne darauf zu achten, dass Fräulein Kisega GEFÄHRLICH nahe kam. Tsubake und ich setzten uns aufrecht hin und nahmen rasch die Anstecker ab, ohne die Augen von der hochgefährlichen jungen Frau zu lassen.

„Erstens würde ich eurem Club nur beitreten, wenn jemand mir ne Pistole an den Kopf setzen würde und ich nur damit, durch Beitritt im Schluffi-Club, mein Leben retten könnte. Zweitens hallooo, wer ist denn bitte so bescheuert und verbringt seine freie Zeit in der SCHULE, wenn er Fußball spielen oder in Cafés schicke Mädchen anbaggern könnte? (An dieser Stelle verzog sich Tsubakes Mund zu einem dünnen Strich.) Drittens habe ich garantiert KEINE Lust, von blondierten Zicken (Tsubake hatte ihre Haare hellblond gefärbt) dazu gezwungen zu werden, eine rote Ampel mit mir am T-Shirt rumzutragen, viertens –“

„... WENN DU JETZT NICHT SOFORT DEINEN MUND VERSIEGELST, TOYA ARIZUKERA, DANN DARFST DU AUSSER NACHSITZEN NOCH ETWAS GANZ ANDERES TUN, UND ZWAR UNFREIWILLIGE HAUSAUFGABEN MACHEN!!“

In diesem Moment konnte ich mich nicht länger halten und prustete los. Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, kann ich Toya auf den Tod nicht ausstehen, was auf Gegenseitigkeit beruht. Und es verschaffte mir eine ungeheure Befriedigung, zuzuhören, wie der hirnverbrannteste Mensch der Welt vor meinen Augen zusammengeschissen wurde. Und nicht nur das, es erheiterte mich. Deswegen lachte ich. Dummerweise, wie sich noch herausstellen sollte.

Kisega schlug mit der Hand auf den Tisch und ich starb. „UND DU“, donnerte sie weiter mit Blick auf mich – Fräulein Kisega, Sie gelten als mädchenfreundliche Lehrerin, BITTE ACHTEN SIE AUF IHR IMAGE – „KANNST JA GLEICH MIT DA BLEIBEN UND DEM LIEBEN TOYA BEIM RAUMPUTZEN HELFEN!!“

Und hier starb ich zum zweiten Mal an diesem Tage.

 

Während Toya und ich also nach der sechsten Stunde – wir hätten Schluss gehabt!!! – da bleiben und für Kisega den Raum putzen durften, ging Tsubake schon in den Raum 207. Innerlich war ich eigentlich ganz froh darüber, nicht sofort zum Treffen zu müssen, denn hallooo, wer schon einmal so ein Treffen erlebt hat, der will das nicht so schnell wieder.

Da es euch aber sicherlich nicht interessiert, wie wir den Raum putzten, beschriebe ich lieber gleich meine Aufmachung, die übrigens AUCH etwas mit dem Clubtreffen zu tun hatte.

Ich hatte mir meine allerschrecklichste Kleidung aus dem Schrank gesucht: Ein braunes Jackett, einen schwarzen, kurzen, abgegammelten zwei Jahre alten Rock und meine allerliebsten Drecklatschen, die vor Schmutz fast starrten. Außerdem trug ich meine oberspießigste Kopfbedeckung: eine Art knallrotes Kopfband, das vorne über den Stirnfransen aufragte und am Hinterkopf ein rotes Band hatte, an dessen Ende ein Herz befestigt war. Das ganze Arrangement stach sich wunderbar mit der Farbe meiner Haarspitzen und bot einen atemberaubenden Kontrast zu dem Rest meiner abgekackten Kleidung. Zudem hatte ich eine giftgrüne Tasche dabei, die ich von meiner kleinen Schwester „ausgeliehen“ hatte, als diese gerade nicht hingeschaut hatte. Darin hatte ich vorsorglich Bücher eingepackt, um mich während des Treffens abschotten zu können.

Falls ihr euch nun fragt „Wozu das Ganze“, ich sag’s euch gerne: Welcher Idiot macht sich für ein Treffen des Yûgi-Clubs schön, wenn es ja doch nur darin endet, dass man mit irgendwas beworfen wird? Letztes Mal hat mir jemand einen Apfel an den Kopf gefeuert – einen ALTEN Apfel, der beim Aufprall in tausend Stücke und – noch viel schlimmer – APFELSAFT explodiert ist. Tagelang lief ich anschließend mit strähnigen Haaren in der Gegend rum. Auf dem Treffen davor traf mich einer (unabsichtlich, wie er mir sagte) mit einer vollen Coladose (auch wieder am Kopf) und ich fiel aus den Latschen und wachte im Krankenzimmer wieder auf, mit einer Horde Kindern um mich herum, die gerade dabei waren, sich – vor meinem Rücken – um mich zu Sorgen und – hinter meinem Rücken – in an Pferdewiehern erinnernde unterdrückte Lachsalven auszubrechen. Davor das Treffen verlief oberhalb der Tischplatte recht ereignislos, während unterhalb der Tischplatte ein Tretkrieg stattfand, mit dem Tsubake begonnen hatte. Dank meiner BESTEN FREUNDIN sackte ich ein verstauchtes Schienenbein, zahllose blaue Flecken und dreckige Strümpfe ein, über die meine Mutter sich anschließend tagelang aufregte, mir dann irgendwelche abgekackten Dreckssocken in die Hand drückte und mir befahl, gefälligst DIESE bei den Treffen zu tragen. (Iiih.)

Stundenlang könnte ich so weitererzählen. Mir fällt da ein Ereignis ein, bei dem sogar ein Schrank, Arina-sempais Frisur und die Fensterscheibe zu Bruch gingen, weil Tomoya und Mamoru, die beiden kleinen aus der zweiten  Klasse, einen Fußball mitgebracht hatten. (Hey, ist euch was aufgefallen, damals bin ich NICHT verletzt worden!!) Ein andermal kam siebenmal nacheinander derselbe Lehrer zu uns und sagte uns, wir sollen gefälligst die Musik leiser stellen, seine Klasse schriebe eine Arbeit. Und so weiter, und so fort, ach, ich kann Romane damit füllen und es ist immer gleich schlimm. GEBT MIR EINE KNARRE UND ICH KNALLE TSU AB!! Die fiese Tante hat mich da reingezwungen. Arrgh.

Nachdem wir den Raum fertig geputzt hatten, ging ich zu Raum 207. Kaum öffnete ich mit einem gezwungenen Lächeln die Türe, da knallte mir Tsubake „HOLLA, DU ALTE SAU!!“-schreiend die Faust in die Fresse.

Nachdem ich mich erholt und siebenunddreißig Zähne ausgespuckt hatte, öffnete ich den Mund und brach in lautes Geschrei aus. „BEGRÜSST MAN SO DIE BESTE FREUNDIN, DU BRUTALE IGNORANTIN?!“

„PARDON. Ich wollte die Person hinter dir treffen“, sagte Tsubake ungerührt. Ich drehte mich um. Im Korridor war meilenweit keiner zu sehen.

Schlechte Lügnerin.

An einer selbstgefällig grinsenden Tsubake vorbei trat ich wütend ein und kriegte prompt mit voller Wucht einen Schuh ins Gesicht gedonnert.

Auauauaaa.

Tsubake peste „Ach du Scheiße“-kreischend davon, und ich fragte mich, wer hier wohl BERECHTIGTER wäre, Ach du Scheiße zu sagen, da raste ein Schnellzug an mir vorbei, der strohgelbe störrische Haare besaß, die er in zwei Zöpfen gebunden hatte und die mir ins Gesicht schlugen. Der Schnellzug schrie „DU ALTE HEXE HAST MEIN SANDWICH GEFRESSEN!!“, packte sich Tsubake und eine es begann eine wilde Schlägerei, die wohl zugunsten des Schnellzuges ausging, der sich nun als ein Mädchen in kurzem blauen Kleid herauspuppte.

In diesem Moment trat Kotori heran und lächelte mich freundlich an. „Bevor ich’s vergesse – das war gerade die Neue. Und wie geht’s dir so?“

Ich konnte nicht antworten, denn ich war tot.

 

„Das Treffen beginnt!“, rief Aoi Midori, schüttelte ihre blitzblaue Mähne und setzte sich an den Kopf der langen Tafel.

Ich platzierte meine ekelhaft grüne Büchertasche lautstark auf dem Tisch und zog mir meinen Stuhl heran.

„Kann ich neben dir sitzen, Yuki-chan?“, fragte Tsubake liebenswürdig, und Kotori fragte scheinheilig das selbe. Ich sagte äußerst wütend „Nein“ und setzte mich.  An meiner linken Seite grinste mir Tsubake entgegen und machte das Peace-Zeichen.

„ICH HAB NEIN GESAGT!!“, kreischte ich.

Von rechts strahlte mich Kotori an, ebenfalls das Peace-Zeichen machend.

Oh Mann, wieso nimmt mich bloß keiner Ernst?

Wie man sieht, war es doch ein ganz normaler Tag. Meine beiden Freundinnen Tsubake und Kotori - die mit der intergalaktisch großen Brillen und den ECHTEN blonden Haaren - behandelten mich so (brutal) wie immer. Mit dem Treffen zusammen gezählt, versprach es ein ganz normaler Tag zu werden. Aber ihr werdet ja sehen ... Es ist kein normaler Tag gewesen, ganz und gar nicht. Es war der schönste und schrecklichste Tag in meinem Leben. Es war der Tag, an dem ich Taiyou traf, die mein Leben verändern sollte, sowohl zum Negativen als auch zum Positiven.

Doch ich erzähle weiter, denn gleich werdet ihr Taiyou kennen lernen.

Nachdem es einigermaßen still geworden war, räusperte sich Aoi und lächelte erst einmal. „Willkommen zu unserem Treffen“, sagte sie. „Wir haben heute eine ganze Menge zu besprechen ... Unser neues Projekt steht natürlich ganz vorne auf der Liste, aber zuerst will ich euch Taiyou Kizutsukeru vorstellen, die gerne Mitglied werden möchte.“ Wieder lächelte sie.

Alle wandten sich der Mitgliedsanwärterin zu. Taiyous nackte Füße lagen auf dem Tisch, sie selbst kippelte und gähnte gerade herzzerreißend, ihre Schuhe standen neben ihr auf dem Tisch.

Die Reaktionen waren verschieden. Aoi schaute etwas verwirrt; ich dachte mir, was für TOLLE MANIEREN diese Taiyou Kizutsukeru hatte, und Tsubake, die direkt neben der Neuen saß, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum und brüllte „HIER STINKT ES NACH KÄSEFÜSSEN!!“

Taiyou schlug Tsubake mit dem Fuß auf dem Kopf. „MEINE SINDS NICHT!!“

Aoi räusperte sich, doch Taiyou stand auf und achtete nicht auf sie. „Und damit das auch gleich klar ist, ich steige aus eurem Club aus, wann es mir beliebt!! Ich verpflichte mich zu gar nichts.“

Aoi hatte mittlerweile ihre Fassung zurück erlangt und lächelte wieder. „Vorrausgesetzt, du kommst in den Club hinein.“

Aoi ist eine Schlange.

Taiyou fixierte sie stirnrunzelnd. „Gehst du etwa von etwas anderem aus?“,

sagte sie dann bedrohlich und stand auf. „Also, ich werde euch jetzt etwas vorsingen und dann könnt ihr ja entscheiden, ob ich in den Club komm oder nicht. Das Ergebnis steht sowieso schon fest.“

Sie muss sehr von sich überzeugt sein, dachte ich und lehnte mich neugierig zurück. Taiyou hatte den Stuhl etwas vom Tisch abgerückt und aus irgendeiner Ecke einen Gitarrenkasten hervorgezaubert, wahrscheinlich von unter dem Tisch aus. Vorsichtig öffnete sie ihn und nahm eine glänzende Gitarre hinaus. Sie schlug ein paar Akkorde an und sah dann zu Aoi hinüber, die sich ebenfalls zurückgelehnt hatte und nun skeptisch und, wie mir schien, ein wenig fies lächelte.

Taiyou knurrte und richtete sich gerade auf. Dann sang sie.

„Once upon a time, there was a girl ...“

Es war das Beste, was ich je in meinem Leben gehört hatte. Den Song kannte ich vorher nicht genau, aber mir war, als wäre er schon einmal im Radio gelaufen. Sie hatte die beste Stimme, die ich kannte – sanft und traurig, und gleichzeitig doch stark, so schön, dass ich nichts anderes tun konnte als da zu sitzen, mich von der Musik tragen zu lassen und zu staunen.

„Bruises fade, father, but the pain remains the same ... “

So wie sie da saß, die Gitarre spielte und sang, strahlte sie etwas eigenartiges aus, es war, als ob sie sich den Schmerz von der Seele sang, als ob sie alles um sich vergessen hatte und nur für sich und eine andere Person, die wir nicht kannten, sang. Wir waren gar nicht mehr da. In ihren Augen stand geschrieben, dass es nur noch sie, den anderen und das Lied gab.

„Echoes of a broken child screaming please no more …“

Außer Taiyous Lied war kein Geräusch mehr im Raum, so eindrucksvoll war es, mit so viel echtem Schmerz gesungen. Niemand wagte sich zu regen, aus Angst, den Zauber zu brechen, und ich glaube, dass sogar ein paar von uns den Atem angehalten hatten, um Taiyou ja nicht zu stören.

„Daddy don’t you understand all the damage you have done …“

Ich wünschte mir, dass es ewig so weiter ging. Sie sollte nicht mehr aufhören.

„For you it’s just a memory, but for me it still lives on ...“

Das Lied hielt uns am Leben, war alles, was wir brauchten, das Lied füllte unsere Köpfe und ließ keinen Platz mehr für etwas anderes.

„And everyday afraid to come home, in fear of what I might see next ...“

Dann Schlussakkorde, es war zu Ende, nach fünf Minuten Gefühlen, die von ihr hinausgesungen worden waren. Niemand sagte etwas, es war ganz still. Kotori neben mir fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Tsubake saß wie erstarrt. Ich zitterte und hatte eine Gänsehaut, von so viel Schmerz war das Lied gefüllt gewesen. Taiyou hatte, im Gegensatz zu uns, ihren alten herausfordernden Blick zurück, und es schien, als wäre das eben nicht sie gewesen, denn ihre Frechheit und ihr Stolz waren wieder da. Wir begriffen, oder zumindest ich begriff, dass sie uns einen Blick in ihr Innerstes offenbart hatte.

Dann brachen wir in Applaus aus. Wir pfiffen, klatschten, trampelten, wir johlten und warfen mit Papierschnipseln, wir schrieen und sprangen auf. Es war eigenartig, wie viel Lärm eine Horde von Kindern machen konnte, aber es waren begeisterte Kinder, und das machte den Unterschied. Taiyou stand auf, mit einer Spur von Arroganz, doch um ihre Lippen spielte ein kleines, selbstzufriedenes Lächeln, während sie die Gitarre wieder in den Kasten packte, und dann sah sie auf und begegnete meinem Blick.

Es durchfuhr mich heiß und kalt, während ich da stand und in die Hände schlug, als wäre ich verrückt. Meine Nackenhaare stellten sich auf, und ich bekam eine Gänsehaut und musste den Blick senken, um nicht laut hinauszuschreien. In ihren Augen stand KRAFT. Dieselbe Kraft, die auch ihrer Stimme innewohnte, dieselbe Kraft, mit der sie jede ihrer Bewegungen ausführte, die selbe Kraft, mit der sie lebte. Es war nahezu unbegreiflich, wie jemand soviel Kraft haben konnte.

Auch Aoi war aufgesprungen und lächelte ein Lächeln voller Begeisterung. „Das war FANTASTISCH!!!“, rief sie und wir wussten alle, was das hieß, denn Aoi lobt nicht oft jemanden, aber wenn, dann ist es ein echtes Lob. Aoi hat das Talent, wahres Talent zu erkennen. „Ohne Zweifel! Das ist ... grandios! Du bist drin! Ohne Abstimmung!“ Sie sah uns der Reihe nach an, und wir nickten. Ein solches Talent in unserem Club! Waoh.

In diesem Moment flog die Türe auf und Kisega stand im Türrahmen. Bamm, und der Zauber der Begeisterung war weg. Sie funkelte uns an. „Also wirklich! Was machen Sie denn bitte für einen Radau? Andere wollen arbeiten! Also mäßigen Sie sich gefälligst!“ Sie blitzte noch einmal in den Raum, dann knallte die Türe und sie war weg.

Falls ihr euch jetzt wundert, wieso wir gesiezt werden – das haben wir Aoi zu verdanken, die zwar auch erst siebzehn ist, aber schon sehr erwachsen zu sein scheint. Zu Anfang haben wir sie immer alle Aoi-sempai genannt, aber im Gegensatz zu ANDEREN Leuten, die erwachsen und ehrenhaft fühlen, wenn sie ge-sempai-t werden, mochte sie das nicht. Also ist sie bloß Aoi.

Taiyou lehnte ihren Gitarrenkasten an die Wand, setzte sich, legte die Füße auf den Tisch, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und kippelte. „Hab ich es euch doch gesagt“, meinte sie unbeeindruckt. „So, und was macht ihr jetzt?“

Tsubake wusste genau, was sie jetzt machte. „NIMM DEINE KÄSELATSCHEN VOM TISCH!!“

Tsubake und Taiyou können sich heute immer noch nicht ausstehen.

 

Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, läutete Aoi das nächste Thema ein, „Leute“, sagte sie und klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, „wir müssen uns überlegen, was wir als nächstes machen. Der Sketchabend (das war unser letztes Projekt) ist ein Erfolg geworden und auf dem Niveau wollen wir doch bleiben, oder?“ Sie lächelte ihr stolzestes Lächeln und wir nickten. Aoi machte gerade den Mund auf, um etwas zu sagen, da kam Hikaru hinein, völlig außer Atem. Hikaru ist in unserer Parallelklasse, der 9c. Sie ist schüchtern und zurückhaltend, sagt selten etwas und redet eigentlich nur, wenn sie gefragt wird. Ich kenne sie nur flüchtig, aber eigentlich scheint sie mir ganz OK.

Fuma, der mir gegenüber saß, sprang auf und starrte Hikaru überrascht an. „Ich hatte gedacht, du wärst krank!“, rief er verwirrt. „Du warst doch nicht in der Schule ... also dachte ich ...“

Hikaru wurde dunkelrot. Sie schien sehr außer Atem. „Ich – ich – konnte nicht früher –“, würgte sie heraus. „Hab mich beeilt – viel zu tun – hatte nicht früher Zeit ...“

Kotori neben mir sah besorgt zu ihr hinüber; die beiden kennen sich aus irgendeinem Nachmittagskurs.

Aoi stand auf und klopfte ihre beruhigend auf den Rücken. „Mach dir mal keine Sorgen.“ Sie lächelte beruhigend. „Jetzt bist du ja da.“ Sie klärte Hikaru rasch über alles auf, was wir bisher besprochen hatten – was ja nun wahrlich nicht viel gewesen war – und Hikaru setzte sich neben Fuma. Die beiden tuschelten eine Weile miteinander, während Aoi eine Diskussion darüber vom Zaun brach, was wir als nächstes Projekt starten sollten.

„Ich bin für was mit Kunst“, sagte Kotori schüchtern, die Künstlerin unter uns. Sie kann verdammt gut mit Aquarell- und Ölfarben umgehen und Stimmungen auf die Leinwand bannen.

„Es ist ja nicht jeder so gut wie du“, warf jemand anders ein.

„Wir sollten was mit Tanzen machen!“

„Genau, eine Stepdance-Aufführung.“

„Uärgh, tanzen.“ Das kam von Tsubake, die jede sportliche Betätigung verabscheut, so auch Tanzen.

„Was schlägst du denn vor?“, wandte sich Aoi an Taiyou.

„Ich?“ Taiyou tat, als überlege sie. „Ist mir scheißegal. Ich sag heute noch nichts. Bin heute nicht in Ideenstimmung.“

Aoi runzelte die Stirn, doch dann klärte sich ihr Gesichtsausdruck und sie setzte ein Lächeln auf. „Belassen wir es erst einmal dabei. Ich schlage vor, ihr überlegt euch was und sprecht mich im Laufe der nächsten zwei Wochen darauf an. Wir müssen uns sowieso noch was für die Weihnachtsfeier Ausdenken ... Bis dahin sind es noch zwei Monate, wenn wir uns allerdings nur alle zwei Wochen treffen, wird es schwierig sein, uns etwas passendes zu überlegen.“

„Müssen wir überhaupt was für die Weihnachtsfeier machen?“, fragte Tsubake verstimmt. Sie mag Weihnachten nicht, weil sie sich da immer überlegen muss, wem sie was schenkt, und Tsubake ist ziemlich faul, weswegen wir immer eine Tafel Schokolade von ihr kriegen. Würde sie nachdenken, fiele ihr sicher was Gescheites ein, aber sie hat keine Lust, ihr Hirn anzustrengen. Wenigstens kauft sie Schokolade in verschiedenen Geschmacksrichtungen, seit ich ihr letztes Jahr gesagt habe, dass ich es billig finde, wenn Kotori, die keine Vollmilchschokolade mag, welche bekommt, nur weil Tsubake für mich welche kauft und zu faul ist, in einem anderen Regal nach Zartbitter zu schauen.

Irgendjemand pflaumte Tsubake an. „Boah, echt ey, natürlich müssen wir was für die Weihnachtsfeier machen, ey.“ (Ich glaube, das war der freche Tomoya aus der zweiten, ein kleines Arschloch, aber kann gut Theater spielen. Er mag Weihnachten, weil er selbst nie was schenkt, sondern immer nur was geschenkt bekommt.)

„Halt die Klappe, dich hat keiner gefragt!“, keifte Tsubake. „AUA!“ Tomoya hatte sie mit einem Tennisball beworfen. Sie schnappte sich einen von Taiyous Schuhen, die immer noch auf dem Tisch standen, und pfefferte ihn nach Tomoya, der jedoch geschickt auswich, weshalb Aki ihn an den Kopf bekam.

„Kannst du nicht aufpassen?“ Er sprang auf, schnappte sich den Schuh und warf ihn aus dem Fenster, wohl in dem Glauben, er gehöre Tsubake, die sich daraufhin totlachte, weil Taiyou Aki anfuhr und ihm befahl, er solle gefälligst den Schuh wiederholen. Als er sich weigerte, weil es ihm egal sei, wessen Schuh das war, schlug sie ihn. Er schlug zurück.

„Sag mal, wieso schlägst du mich? Bloß weil ich deinen scheiß Schuh aus dem Fenster geworfen hab? Weißt du eigentlich, wie hässlich der ist? Vielleicht sollte ich den anderen auch noch rauswerfen ...“

Taiyou knurrte und stützte die Hände in die Hüften. „Du würdest es bereuen.“

„Ach ja, und wieso?“, fragte Aki, warf sein Zöpfchen zurück und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Sag das mal lieber Tsubake.“

Tsubake hatte Taiyous zweiten Schuh aus dem Fenster geworfen und lachte nun wie verrückt, weil er in den kleinen Teich in unserem Innenhof gefallen war. Es begann eine kleine Prügelei, die von Aoi nicht unterbrochen wurde, weil Aoi damit beschäftigt war, mit Kazu, dem ältesten unter uns, über Politik zu diskutieren und darüber, was heute im Mittagessen gewesen war; aufgequollenes Huhn oder aufgequollener Fisch.

Ich seufzte und lehnte mich zurück. Dann hörte ich nur noch BANG.

Nein, es war keiner aus dem Fenster gefallen. Es war auch kein Schuh von jemandem wieder hochgeworfen worden. Es war nur einfach schlicht und ergreifend ein Fußball an meinem Kopf gelandet.

Tomoya und Mamoru brachen in eine Lachsalve aus.